2021 – Julia von Lucadou

Julia von Lucadou, 1982 in Heidelberg geboren, lebt in Köln. Sie ist promovierte Filmwissenschaftlerin und arbeitete als Regieassistentin beim Film, als Fernsehredakteurin und als Simulationspatientin. Im Juli 2018 erschien ihr erster Roman Die Hochhausspringerin bei Hanser Berlin. Er wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Erfolgreich um das Stipendium beworben hat sich von Lucadou mit einem Ausschnitt aus ihrem aktuellen Romanprojekt mit dem Arbeitstitel TickTack, an dem sie auch in Schwaz arbeiten möchte. In dessen Mittelpunkt stehen zwei junge Menschen: Almette, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das unter dem Druck ihrer Zukunftsängste, ihrer Pubertätshormone und ihrer schwierigen Familienbeziehung zu explodieren droht, und Jo, zehn Jahre älter, der nach seinem Rausschmiss aus der Uni eine tiefe Wut angestaut hat. Er nutzt Almettes Verunsicherung aus, um sie von seiner düsteren Weltsicht zu überzeugen und sie zu trainieren für den Widerstand gegen eine Gesellschaft, von der er sich marginalisiert fühlt.

Von ihrem zweimonatigen Aufenthalt in Schwaz im Herbst 2021 wünscht sich Julia von Lucadou neue Impulse, sie freut sich auf geistige wie körperliche Bewegungsfreiheit, auf die Natur, auf frische Luft und Stille.

Stadtschreiberin verschwindet in Buch

(Text entstanden während der Aufhalt als Stadtschreiberin in Schwaz)

Bevor ich nach Schwaz fuhr, suchte ich es im Internet. Aha, denken Sie jetzt vielleicht, die moderne Stadtschreiberin geht also online bereits im Vorhinein alle Wege ab, besichtigt die Sehenswürdigkeiten, blickt in die Schaufenster, grüßt vielleicht sogar das ein oder andere verpixelte Gesicht in den digitalen Straßen. So dass sie hinterher, nach der Ankunft, das Haus gar nicht mehr verlassen muss. Aber im Gegenteil: Ich suchte im Internet aus Vorfreude. Um zu wissen, wo ich später überall hingehen wollte, welche Veranstaltung erleben, welchen Wanderweg erklimmen, in welchem Restaurant einkehren, wessen Gesicht auf der Straße unverpixelt grüßen…

Bevor ich nach Schwaz fuhr, suchte ich es im Internet und fand gemütliche Cafés, historische Straßen, monumentale Kirchen, viel Kultur, hohe Berge. Nur eins fand ich in Schwaz nicht: Zumba. Sie fragen sich jetzt, was das sein soll. Das Internet würde es Ihnen sofort verraten: Eine Sportart, ein Fitnesstanz zu lateinamerikanischer Musik, ein lustiges Auf- und Abgehoppel. Aber was Zumba ist, ist eigentlich für diese Geschichte nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass ich es gerne mache und an jedem Ort, an dem ich länger bleibe, nach einem Kurs suche. Und den eben in Schwaz nicht fand, dafür in einem Fitnessstudio im Nachbarort. In Buch.

Ein paar Tage nach meiner Ankunft als Schwazer Stadtschreiberin fand ich mich abends mit meiner Sporttasche am Bahnhof Jenbach wieder. Das hatte mir das Internet so empfohlen, von Schwaz mit dem Zug nach Jenbach zu fahren und von dort über eine Brücke nach Buch hinüberzulaufen.

Jetzt sollte ich Ihnen noch über mich verraten, dass ich mich nach all der digitalen Vorbereitung, wenn ich einmal irgendwo bin, auf meine analogen Sinne verlasse. Mein analoger Orientierungssinn ist aber nicht unbedingt immer ganz auf der Höhe, wenn Sie wissen, was ich meine. Mein analoger Orientierungssinn lässt zu wünschen übrig.

Zunächst ging alles gut, ich ging selbstbewusst in Richtung Brücke, die ich zuvor auf Google Maps lokalisiert hatte. Sie war länger und schlechter beleuchtet als erwartet. Ich ging im Dunkeln die Brücke entlang, unter mir Schnellstraßen, Autos, aber keine Menschenseele. Als ich auf der anderen Seite der Brücke dort ankam, wo Buch sein sollte, war ich mir nicht mehr sicher, in welche Richtung ich weitergehen musste. Ich fand mich in einer Art Industriegebiet, was mich verwirrte. Ich bog so ab, wie ich mich zu erinnern meinte, fand aber die passenden Straßennamen nicht. Nirgendwo ein Fitnessstudio, überall nur leere Gebäude, Dunkelheit und kein Mensch, nicht mal ein verpixelter, den ich nach dem Weg hätte fragen können.

Ich mache es kurz: Ich habe mich in Buch verlaufen. Ich verlief mich so sehr, dass ich irgendwann im Garten eines unbewohnt wirkenden Privathauses stand und das Gartentor nicht mehr fand, durch das ich hereingekommen sein musste. Wie ich so verloren und gefangen im Dunkeln stand, die Sporttasche über der Schulter, an einem licht- und menschenlosen Ort, vom Internet allein gelassen, kam mir in den Sinn, was wohl in ein paar Tagen in der Zeitung stehen würde, wenn die gerade erst angereiste Schwazer Stadtschreiberin als vermisst gemeldet wurde. Man würde in der Chronik meiner Web-Aktivitäten die Seite des Bucher Fitnessstudios finden, die angeklickten Infos zu Uhrzeit und Datum der Zumbastunde. Man würde eins und eins zusammenzählen, mein digitales Zugticket nach Jenbach, die fehlende Sporttasche in der Stadtschreiberwohnung. Man würde ermitteln, dass ich nie zur Zumbastunde erschienen war. Man würde in Buch nach mir zu suchen beginnen. Und mich nicht finden in diesem rätselhaft ausgangslosen Privatgarten, von dem ich selbst keine logische Erklärung hatte, wie ich dort gelandet war.

STADTSCHREIBERIN VERSCHWINDET IN BUCH würde die Schlagzeile lauten. Und weil es so eine gute Schlagzeile wäre und man heutzutage im Internet eigentlich hauptsächlich diese eine Zeile und nicht mehr den Artikel liest, würde sich die Nachricht online in Windeseile verbreiten. Screenshots der Schlagzeile würden sich artikelunabhängig auf den sozialen Netzwerken vervielfachen: STADTSCHREIBERIN VERSCHWINDET IN BUCH. Sobald sie den geografischen Kontext von Tirol verließe und sich immer mehr von der Kenntnis um den Ort Buch weg- und auf das Objekt Buch hinzubewegte, bekäme die Nachricht ein immer mysteriöseres, poetischeres, beinahe fantastisches Flair. Ihre Unverständlichkeit wäre eine willkommene Ablenkung von den ansonsten so fürchterlich greifbaren Nachrichten über die Fakten des Klimawandels, das Leid der Flüchtenden, die andauernde Pandemie.

Man würde beginnen zu mutmaßen, um welche Art von Buch es sich wohl gehandelt habe, in dem die Stadtschreiberin da verschwunden war. Um einen dicken Roman etwa, in den sie gemütlich hineinpasste, oder einen Gedichtband, in dem sie in Fragmenten erhalten blieb: in einem Gedicht ihr Ohr, in einem anderen eine Fingerkuppe, oder, poetischer, eine Fingerbeere, wie es die Schweizer sagen. Vielleicht handelte es sich auch um etwas Pragmatischeres, ein Fachbuch der Holzwirtschaft zum Beispiel? Da steckte sie dann zwischen den Scheiten oder wurde zu einem schönen Schrank verarbeitet. Oder war sie in der Autobiografie einer Anderen gelandet, ihr Aufmerksamkeit raubend, bis man schließlich der Autorin eine multiple Persönlichkeit unterstellte? Überhaupt: Störte die Stadtschreiberin in diesem Buch, in dem sie verschwunden war, oder hatte sie im Gegenteil praktischerweise ein paar leere Seiten gefüllt, vielleicht sogar einer Autorin aus der Schreibkrise geholfen? War die Stadtschreiberin am Ende in ihrem eigenen Buch verschwunden?

Wenn man meinen Namen im Internet suchte, dachte ich, würde man nur noch auf diese eine Schlagzeile stoßen, tausendfach vervielfältigt: STADTSCHREIBERIN VERSCHWINDET IN BUCH.

Und plötzlich kam mir die Schlagzeile wie die bestmögliche Version meines Autorinnenlebens vor. Das poetischste Ende. Der perfekte letzte Satz. So perfekt, dass er beinahe verpflichtend war.

Ich wollte gar nicht mehr gefunden werden. Ich würde verschwunden bleiben und allen Buchhändler*innen der Welt erlauben, auf ihre Regale zu deuten und zu flüstern: Sie haben doch von der verschwundenen Stadtschreiberin gehört? Schauen Sie hier, dieses Buch könnte es gewesen sein, oder dieses, lesen Sie es, vielleicht finden Sie sie dort. Ich würde die Buchwirtschaft ankurbeln und selbst einen Krimi von literarischem Format verkörpern. Meine Angehörigen und Freunde würden voller Inbrunst und Stolz über mich sagen: Sie war Stadtschreiberin, sie verschwand, aber es war eine höchst poetische Angelegenheit.

In diesem Moment hörte ich zwei Stimmen hinter mir murmeln: Da sucht schon wieder jemand im Garten das Fitnessstudio.

Hallo Sie, riefen sie mir zu, Sie müssen nur ums Haus herumgehen, sehen Sie, da hinten!

Es ist ein Google Maps-Fehler, riefen sie, der die Leute in unseren Garten führt. Aber Sie haben es nicht mehr weit! Sie werden es von hier aus mit Sicherheit finden.