Selbstübersetzen
Gewichte stemmen bedeutet, Luft geholt zu haben.
Zur Sprache kommen bedeutet, geschwiegen zu haben.
Zu schreiben bedeutet Bewegung, bevor man sich hinsetzt.
Sich entfernt zu haben bedeutet immer auch angekommen zu sein.
Zu trauern bedeutet, geliebt zu haben, es noch immer zu tun.
Und dann ist es so, dass man ein Buch schreibt, einen Text in die Welt schickt.
Stadtschreiber in Schwaz zu sein ist ein Privileg. Vielleicht bedeutet es, ein paar Sätze geschrieben zu haben, die nur an dem Ort, an dem man sich gerade aufhält, geschrieben werden konnten. Einzig in Schwaz konnten sie sich rausdrängen. Im Dämmerlicht meiner Zweifel, in der Verletzlichkeit meiner Versuchsstunden, in diesem Haus, in diesem Zimmer. Distanz aufheben, das ist die Aufgabe von Kunst. Der Prozess des Romans ist eine Reise in die Geschichte, die geschaffen werden muss, sowie zu mir und der Sprache, die meine Literatur mir abverlangt. Ist man dann Schriftsteller geworden, sobald man einen Roman abgeschlossen hat, oder war man dieser vielleicht schon sein Leben lang? Ich muss mich selbst übersetzen. Ich glaube, das ist Fiktion, die ich machen will. Literatur muss gefährlich bleiben.
Spätestens an diesem Punkt angekommen, muss ich stoppen und festhalten: Dies ist ein Blogbeitrag. Was zu tun ist: Schreiben. Das Privileg der Zeit wird einem in Schwaz, gerade am Beginn dieser Reise nicht nur geschenkt, sondern mit einem Stipendiumsbeitrag sowie einer Wohnmöglichkeit abgegolten. Dazu die Berge und die frische Luft. Luxus.
Aber jetzt möchte ich gerne von einer schimmligen Zitrone erzählen. Ich ging spazieren. Meine gewöhnliche Runde. Arglos, am Hirnwieseabgrasen. Da sah ich sie am Boden vor mir. Wich aus und dachte mir, na, dass da mal niemand ausrutscht. Anstatt sie wegzukicken, wie es sich gehört hätte, verlor ich diesen Gedanken im Hörbuch, das mich wieder an dieselbe Stelle führte. In hervorragendem Lichtschein, gegenüber des Krankenhauses, zog es mir das Bein nach vorn, ab in den Spagat. Was für einen Ungelenken wie mich sehr gefährlich ist. Abgerissen hatte ich mir nichts. Dafür war es zum Lachen. Ach ja, ein paar Tage später wurde spätabends die Behelfsbrücke abmontiert. Viele Leute sahen zu, da war was los. Das ärgerte mich, weil ich doch nur meine Route spazieren wollte, über die neue Brücke, die wie der Inn überhaupt nicht zum Runterspringen einlädt. Ich ging immer gern über sie. Vielleicht ist es das, was bestätigt, wie wohl und heimelig ich mich nach zwei Monaten hier fühle, da sich in diese Sätze ein klein wenig Selbstmordslust und die Beteuerung, es nicht zu tun, hineinschleicht. Entschuldigung, und auch nicht, es sind nun mal die unangenehmen Themen, die mir liegen. In der Klausur mit mir selbst konnte ich nicht nur den ersten Roman vollenden, sondern auch das Autoren-Ich ein wenig mehr kennenlernen, vor mir sehen, was ich zu tun habe, oder besser gesagt, in die Schreibkammer meiner Seele blicken. Ja, das ist also zu tun.
Auf ein Wiedersehen. Herzlichen Dank für die Gelegenheit, mich nur von mir selbst gestört meiner literarischen Arbeit widmen zu dürfen.