Verona

Eine Überquerung der Alpen und die Kulisse ist verändert. Am Brenner liegt raue Luft auf den Bergen, der Schnee fällt auf die hoch aufragenden Massen von hartem Gestein. Eine Lokomotive steht unter dem Berghang und dampft, keine Menschen. Es könnte ebensogut 1890 sein, 1970 oder jetzt.

In Südtirol sind die Berge schon weicher, sie kommen mir höher vor und sind gepolstert von Grün dazwischen ist brauner Stein gefaltet und gestickt. Obwohl ich im Zug sitze glaube ich spüren zu können, dass die Luft milder wird oder ich sehe es an den goldgelben Schlieren, die sie durchziehen und als Tücher sich vor die Berge und Dörfer hängen, die in Talkessel gestreut liegen. Die Wölbungen der Berge, blasenhaft und weniger gezackt als in Tirol. Elastisch legen sie ihre Körper in die Landschaft, bald wieder schroffere Hänge, gestreifte Gesteinssorten errichten Plateaus, auf denen es grünt.

Salerno

Fortezza- Franzensfeste

In Verona ist es sonnig. Ich gehe eine lange breite Straße entlang auf die Porta Nuova zu, an einem hohen rotsteinernen Glockenturm hängt eine alte Uhr, es ist fast zwei- um zwei muss ich in der Unterkunft sein. Ein lebhaftes Geraschel von Körpern und Stimmen bewegt sich um die Arena herum, deren grobgewölbte Wand sich vor dem tiefen Blau auf den Platz drängt. Ich habe sie mir höher vorgestellt, vielleicht am Kolosseum orientiert. Hinter der Arena streckt sich bereits die Via Leoncina aus, von der die kleine Straße abzweigt, die ich suche. San Fermo Maggiore am Ende der Straße, ein Fresko über der Seitentür, blass in einem spitzen Bogen, ich muss abbiegen in eine Sackgasse, geriffelt hölzerne Tür, ich klingle und steige schon die Treppe hinauf, als jemand im Erdgeschoss ruft, ich antworte und drehe um. Im Türrahmen einer Wohnung steht ein Mann mit grau schwarz gestreiftem Strähnenhaar, das ihm lang und feucht vom Kopf hängt, er hält einen kleinen weißen Apparat in der Hand, wahrscheinlich ein Fieberthermometer. Um ihn herum liegen bunt befüllte Mülltüten im Eingangsflur seiner Wohnung, er geht vor mir her ins Appartement hinauf, trägt Sportkleidung, die schief um seinen Körper hängt, sieht etwas ungepflegt aus in seiner Markenkleidung, Abercrombie steht groß auf einem Bein. Er verhält sich sonderbar, zeigt mir schlurfend und murmelnd die Wohnung, die dunkel ist und unheimlich auf mich wirkt, ich habe ein Zimmer mit breitem Bett darin, das Fenster geht hinaus zu einem Schacht, es ist stickig. Er hat eine äußerst schmale Nase, sagt: ah, sie sprechen deutsch. Ich bin in Bozen geboren. Er sagt es nochmal: ich bin in Bozen geboren. Danach spricht er wieder englisch.

Als ich auf die Straße trete und ein paar Schritte gehe in der warmen Luft, den blauen Himmel sehe und die schönen alten Fassaden, die spitz zulaufenden Bögen der Fenster, die begrünten Balkone, Säulen und das Zusammenspiel der architektonischen Details und Pflanzen, bin ich erleichtert. Ich laufe und schaue, umrunde ein paar Mal San Fermo Maggiore, ohne noch hinein zu gehen. Gehe in Richtung der Arena, zur Piazza delle Erbe, wo viele Verkaufsstände unter weißen Stofftischen bunte Masken zeigen, ich werde durch schmale Gassen geschoben, runde Pflastersteine heben sich aus dem Boden, lande schließlich vor Santa Anastasia, die ich betrete, ihr hohes Gewölbe, die Ranken von Stein und Holz, das Gold und die gemalten Stoffgebirge, Mosaike, Figuren und Szenen- inzwischen bin ich im Dom, nachdem ich einen Cappuccino getrunken habe im Garten eines Cafés, es geht ein heftiger Wind, aber es ist warm. Die Seiten des Notizbuchs flattern, ein Spatz springt auf den Tisch und nimmt sich eine Zuckertüte.

Die Tage also verbracht: laufend und schauend, innen und außen, in den hohen langen Kirchenräumen, mit blassen und intensiv leuchtenden Fresken, in Museen zwischen Statuen und Steingravuren und draußen zwischen den Fassaden, fein umrankte Fenster, ziselierter Stein und köstliche Farbtöne, blassgrün, rot, gelb. Auch außen die blätternde Farbe der Fresken, Säulen und Blattfriese um die Fenster – dabei sind die Dekorationen und Details so fein aufeinander abgestimmt, dass die Häuser elegant aussehen, beinahe musikalisch.

Am Abend an der Piazza delle Erbe setze ich mich an einen kleinen viereckigen Holztisch, die Farben leuchten in dem fallenden Abendschleier noch einmal auf.

Ein zartes Fresko von Tizian schimmert nach in meiner Erinnerung, ich habe es im Dom gesehen, in einer der Seitenkapellen, ein Mann mit rundem glänzendem Schädel, sucht in einem Steinsarg vergeblich nach dem Körper, der bereits in den Himmel aufgestiegen ist, der Alte ist umschlungen von gelbem Stoff.

Es geht eine Frau vorbei mit Hut und pinker Tasche: Aldi Süd.

Myriam Khouri, Februar 2020