Verona II

Café Antico Santa Anastasia vor der Kirche mit demselben Namen, die ich gestern durchschritten habe. Eine Panoramascheibe zur Straße, manchmal schauen die vorübergehenden so starr herein, als könnte ich sie nicht sehen oder als sei ich ein Ausstellungsobjekt, ähnlich wie der rote Oktopus aus Glas, ein paar Fenster weiter, in einem Antiquitätengeschäft, den ich fotografierte.

An der Etsch in der Sonne, große weiße Kiesel, rundgeschliffen vom Wasser, strecken sich aus als Masse vor der Brücke des Castelvecchio, es ist eine Brücke aus rotem Stein, der hier viele Gebäude baut. Schulklassen tummeln sich schreiend auf der Brücke mit Kaugummi.

Die Gewandung der Veroneser chic und modebewusst, häufig mit Hauch von Sportästhetik, die aber wieder mit Glanzelementen versetzt aus dem Sportsektor herausgehoben wird. Also schimmerndes Nike-Logo, diamantbesetzte Turnschuhe in Pastellfarben mit übertrieben dicken aufgeplusterten Schaumsohlen, auch ein bisschen prollig. Viele kleine Hunde, ein weißer Plüschhund sprengt über die Kiesel an der Etsch wie aufgezogen.

In dem Fensterkasten sitze ich und sehe jemanden mit einem Blumenstrauß vorbeigehen, es sind grüne gelbe und rote Blüten, die aus dem Packpapierkragen herausragen. Er trägt ihn nicht, als wolle er ihn verschenken, eher als bringe er ihn als Dekoration in einen Laden oder ein Café.

In der Kirche San Zeno leuchten die Altartafeln von Mantegna in samtigen Rot und Blautönen.

Seltsames Architekturpanorama auf der anderen Seite der Etsch beim Gehen, ein zylinderförmiges Gebäude aus rotem Backstein, ähnlich dem, aus dem die Festung und die gestreiften Kirchen zusammen gesetzt sind, nur ist dieser neu und sauber, die Außenwand wölbt sich tonnenförmig auf den Fußweg.

Kleine bunte Gefäße aus Glas stehen fein gruppiert in hellgelben und apricot-farbenen Vitrinen im archäologischen Museum.

Glaskörper der Vasen aus den 20er und 30er Jahren von Carlo Scarpa in einem Ausstellungsraum des Castelvecchio. Lange Vitrinen parallel zueinander angeordnet in dem ebenfalls langen Raum, die Gefässe sind so gruppiert und komponiert, dass ihre verschiedenfarbigen gläsernen Wölbungen sich in der Raumtiefe überschneiden und Farbnuancen erzeugen.

Antike und römische Steine, Statuen und Reliefs, Renaissancekapelle und Fresken. Die Zeiten übereinander gebaut und dann Stück für Stück wieder freigelegt.

Die Luft im Amphitheater am Abend ist mild und es umgibt mich leicht und weich das grüne Geräusch der Pflanzen. Die intensiv dunkelgrünen Zypressen vor dem tiefblauen Himmel, ich sah sie schon am Vortag am Ende einer Straße aufragen, als Spitzen dieses Hügels in den das römische Theater hineingebaut ist. Ich wollte sie ausfragen, wie alt sie seien und wer sie gepflanzt habe und ob es sie störe, wenn sie so oft zucken müssen im Wind, aber sie verschwanden immer wieder hinter Häusern.

Hier oben bin ich von ihnen umgeben und sie zucken fein, sind lebhaft und beweglich. Es ist der Monte Pietra auf dem wir stehen, die Zypressen und nun auch ich, sie füttern das römische Theater aus.

Am Vormittag in Castelvecchio: ein religiöses Theaterensemble in einem kalkweißen Raum, zuckende Statuen mit Farbresten am Gewand, die alle etwas bedeuten, die Farben, grüner Mantel mit roten Aufschlägen. Die erzählenden Gesten ihrer Hände und die Falten ihrer Gewänder umschlingen mich. (Das ist die Stunde da die Hände reden, des Tages Arbeit klingt in ihnen nach.)

Als ich durch das alte Theater hinaufsteige, auf hohen grobsteinernen Stufen, denke ich an das klingende Porzellan am Vormittag oder Morgen (il mattino) im Café Wallner. Weiträumig geschmücktes Café in der Via Roma, erster Morgenkaffee. Ich beobachte zwei ältere Damen und zeichne die Zustände ihrer Croissants während des verspeißt Werdens. Von weißen Servietten umschlungen der braune blättrige Körper des Gebäcks, die Unterseite dunkelbraun, ihre lackierten Fingernägel vor dem weiß der Serviette, die Köpfe einander zugewandt reden sie. Ich überlege worüber sie reden könnten und habe Lust Dialoge zu schreiben.

Die Färbungen des Abendhimmels, feine Abstufungen von gelb-orange zu blauschwarzer Nacht.

Flaschensammlung in den Regalen der Terrazza Bar al Ponte.

Myriam Khouri, Februar 2020