tschiggin

sonntag, 4.11.2108

 

auf dem weg in die freiheitssiedlung sein, einer der vielen brüche jenseits der altstadt. für wenig geld konnte man dort leben, auch jetzt wieder, aber leben konnte man dort, immerhin. auch in den zeiten, als menschen über grenzen geschoben wurden, wie es dem jeweiligen system gerade recht war. bestenfalls die leute sich selbst entscheiden konnten, ohne zu wissen, was kommt. die »optanten«, so ein wort, so eine verallgemeinerung, ende der 30er jahre, nach dem hitler-mussolini-pakt, als ob das leben allen immer eine option hätte lassen. besonders hier. ein wort, das aus den einzelnen wohnungen ein ganzes macht, das es wahrscheinlich nicht gegeben hat, und vieles ist verschwunden, aber die toreinfahrt ist geblieben, und auch das latent randständige am ende oder anfang der stadt, je nach perspektive, aber der überdimensionale interspar eine leuchtende klammer ins jetzt.

und bevor ich aber in der freiheitssiedlung ankomme, bleibe ich in der tabakregie hängen, stolpere über dieses wort, weiß nicht genau, was es bedeutet, und weiß es irgendwie doch. ein großer hof, ein großes tor, einmal mehr ein privatgrund, wie so vieles hier, nahezu alles ist privat, ist reglementiert, und gut wäre, wenn das private wieder politischer wird, denke ich dann, und gehe doch einfach auf diesen grund, der mit seinem großen offenem portal nahezu einladend wirkt.

fünf gebäude, sternförmig ausgerichtet, dazwischen wäscheleinen, meterlang, kein mensch, kein laut, ein hohe konifere, mächtig, immer noch über der geschichte stehend, das ist deutlich, ansonsten erinnern nur vereinzelt autos an das jetzt, das nichts mehr mit früher zu tun hat. mit dieser zeit, als die »tschiggin«, die große schwazer tabakfabrik hier, fast nur frauen beschäftigte. weil sie geschickter, flinker und fleißiger waren, und vor allem weniger verdienten. mehr als 50 prozent. und später lese ich nach, dass 88 prozent der arbeiter frauen waren, oftmals mädchen, ab 14 jahren durften mädchen bei eignung, also stabiler gesundheit, eingestellt werden, der schulunterricht wurde gleichfalls eingestellt. traurige doppeldeutigkeit eines wortes.

frauen also, die weit vor 1918 wenig möglichkeiten hatten. die tabakblätter mit wasser einsprengen mussten, die sogenannten einsprengerinnen, damit der tabak weich wurde, sich drehen ließ, sie verdienten am wenigsten. aus dem weichen gemisch wurden puppen, die in deckblätter eingerollt wurden, so eine namensgebung, als ob eine mutter ihr kind einrollen würde, in ein deckblatt, in den wunsch auf bezahlbare arbeit, der wunsch, eine zukunft zu haben, weniger für sich, als für das eigene kind, das meistens schon neben einem saß.

dann. das aufspinnen. das aufhaspeln. das fertige gespunst. ein sprachmaterial, mit dem vorsichtig umzugehen ist. das soviel verletzung schon in sich trägt. die geschichte hunderter frauen, die in der regel kaum luft zum atmen im gespunstsaal hatten, deren fingerkupper sich auflösten, das stete rollen und der tabak die haut zersetzte und pflaster wenig hilfe versprachen, die im licht von rüböl-lampen drehten, die lieder sangen, aber keine unzüchtigen, die zum gruppenakkord gezwungen und später wieder daran gehindert wurden.

 

»Es war schon streng in der Fabrik. Die Aufseher waren in Uniform. In einem Saal waren 180 Personen. Es war oft sehr hart, den ganzen Tag die gleichen Bewegungen. Da war i so müd mit dem Arm, dass man mir daheim das Essen beinahe eingeben hatt müssen. Und dann im Krieg, da war bei den Zigaretten soviel Sand im Tabak, dass die Finger ganz schleißig worden sind. Wir haben uns Pflaster auf die Fingerspitzen tan.«

(Berta Linter, Arbeiterin ab 1910; nach: Traust, Ernst: Rauchen für Österreich. Eine Kulturgeschichte.)

 

eine geschichte, die jetzt nicht mehr sichtbar ist, weil anstelle der tschiggin seit wenigen jahren die große stadtgalerie thront, das alte areal komplett abgerissen wurde, und nur eine zeittafel auf die vergangenheit weist, wie das ja in so vielen städten und orten der fall ist, das verschwinden der zeit, und zu toni, sie ist 86 jahre alt und sitzt bei jana im café, zu toni also sage ich, dass auch das der sinn von literatur sein kann, zu erzählen, etwas sichtbar zu machen, was alltag war, wie in bölls aufsatz zur trümmerliteratur, und dass es um ein feuchtes auge gehe, um einen blick hinter die fassaden, manchmal auch nur auf die fassaden, oder wie auch man das nennen mag.