nach Rattenberg

Das Kloster steht im Dunkeln wie ein aufgeschlagenes Buch.

Ich habe es schon gesehen, dennoch erscheint es mir an diesem Abend anders, erneut leuchtet es vor dem Schirm der Nacht, die herabgefallen ist.

Schwarz sind die Figuren auf einer Erhöhung an der Längsseite der Franziskanerkirche, sie bücken sich unter eisernen Mänteln und Kapuzen.

Vor der Automatiktür wird geraucht, ich gehe durch eine Wolke hindurch, trete auf die Straße, es nieselt, ich nehme den oberen Weg, am Saum der Berge, entlang einer alten Mauer, hinter der es immer nach Dünger riecht, heute steht die Holztür ein wenig offen, ein Bauer in blauer Latzhose kommt heraus.

Frau linst über den Flur als ich zurückkomme, Kapellentür steht offen, junger Mann und große entzündete Kerze, ordentlich gereihte kleine Bänkchen, sah schon von draußen die bunten Fenster der Hauskapelle erhellt!

Rattenberg-Kramsach, ich werde den Ohrwurm nicht mehr los.

Auf dem Weg nach Rattenberg stieg ich versehentlich in Jenbach um, es war keine Absicht. Hölzernes Hotel vor dem Bahnhofsportal, ein kleines Bistrot mit langer dunkler Bar. Ich bestelle einen Kaffee und setze mich auf einen sonnenbestrahlten Metallstuhl vor der Tür, stehe aber gleich wieder auf. Hier herrscht ein gesteigertes Reisegefühl, viele Leute gehen durch die Unterführung auf die Bahnsteige, tragen leuchtende Sportkleidung, große Koffer, Reisetaschen, einige haben Skier dabei. Eine Durchsage schallt, EC nach Bologna hat Verspätung – „Grund dafür ist eine Verzögerung auf der deutschen Strecke“ – „haha, wo sonst!“ ruft ein Mann seiner Frau zu, offenbar Deutscher. Kurz danach wird die Durchsage wiederholt, hinter mir auf der Bank ein alter Mann und seine Frau, sprechen in Tiroler Dialekt, der Mann hört die Durchsage und sagt: „haha, immer san die andern Schuld!“

In Rattenberg

Eine schmaler langer Gang führt von einem Parkplatz vor dem Bahnhof in die Stadt, spuckt mich aus, auf einen großzügigen Platz, altes Pflaster, bunte Häuser, zwei Frauen mit einem Kinderwagen, sonst niemand.

Am Rathaus fährt ein Lift hinauf auf den Festungsberg, ich finde den Aufstieg nicht, aber auch nicht den Eingang zum Lift, laufe schließlich zwei Mädchen hinterher über eine Metallbrücke, gläserne Liftkabine öffnet sich, ich eile zu ihnen hinein. Sie tragen Jeans und langes Haar, Winterjacken mit Pelzkränzen und schwarze Phones in den handschuhlosen Händen.

Am Ausgang des Aufzugs lehnen ein paar rauchende Jungs, vielleicht zwölf oder vierzehnjährig. Sie pfeifen uns nach oder eher den beiden Girls.

Hier oben liegt immer noch Schnee, Eisbuckel auf dem Asphalt, ich rutsche hinter den Mädchen her, über ein ansteigendes Wiesenstück. Ich habe nicht mit Schnee gerechnet. (Es taute wie verrückt in den letzten Tagen, ich denke an die grelle Sonne bei meinem Gang nach Vomp, um Stoff zu kaufen.) Doch schon in Jenbach kam es mir kälter vor und in Rattenberg ist es eisig. Eines der Mädchen trägt ähnlich unpassende Schuhe wie ich, sie rutscht, hält sich am Jackenärmel ihrer Freundin fest und ruft: Ey Alter!

Als ich den Asphaltweg, der an einem hölzernen Turm mit großer Glocke vorbeiführt, hinauf gehe, sehr vorsichtig, wegen dem unpassenden Schuhwerk, stehen die Jungs schon dort. Der Kleinste in dreifarbiger Snowboardjacke, blau-braun-gelb, ruft mir zu: Warum bist du so langsam? Weil ich rutschte, sage ich laut und strahle ihn dabei an. Er lacht.

Oben vor dem viereckigen Festungsturm ist die Aussicht auf Blechdächer, Inn und Berge prächtig, die Schneehüte vor dem blauen Himmel wirken nah, in der Ferne ein Kirchturm mit rotem Kirschdach, weißer Hals. Die Mädchen fotografieren sich gegenseitig, haben ihr Haar ausgebreitet über das Geländer, nebenbei scheppert Musik aus ihren portablen Geräten.

Im Inneren der Kirche ist das einstmals gotische Gewölbe verzuckert, barockisiert, wie es hier auf verschiedenen Tafeln heißt, das Wort kommt mir immer wieder unter, auch in der Kirche Maria Himmelfahrt in Schwaz steht etwas von der nachträglichen Barockisierung geschrieben. Und es ist wirklich stürmend Barock, gewundene Säulen, glasierte Engel, leuchtende Vergoldung tun alles, um die Höhe des Gewölbes einzugrenzen, die Decke nach unten zu holen, die gen Himmel strebt unaufhaltsam. Rosa und blau die Bemalung der Decke, weiße Ranken und Netze, Körper der Engel aus Porzellan mit Goldelementen. Womöglich fühlte man sich ausgeliefert den in die Höhe rasenden Räumen, den einfachen klaren Gewölben. Ein Futteral aus Ranken, Körpern, Farben und Blättern füllt sie nun und lässt sie niedriger erscheinen. Dagegen ist die Mariengrotte rau und einfach. Eine Grotte in den Fels geschlagen, eiserner Laternenkäfig schwankt an der Decke oder es schwankt mein Blick. Zwei dunkle Holzbänke, Bücher darauf gestapelt. Die Stille in der großen Kirche St. Virgil ist ungeheuerlich, trotz der opulenten und wilden Ausschmückung ist es eisig, mein Atem steigt in Wolken auf, sonst atmet niemand, dabei bin ich von Körpern umstellt, sie stehen in Nischen und auf Altären, sie hängen an den Wänden, strecken Arme und Beine in den Raum. Sogar ein Pferd aus weißem Porzellan schnaubt von Engeln umgeben. Ich stehe und starre sie an und höre nichts in der festen Ummauerung. Schaudernd gehe ich die Steintreppe hinab nach draußen, trete auf eine großen leicht abfallenden Platz – feuchte Schleier umwehen mich immer noch und von nun an ist dem Aufenthalt in diesem Ort etwas Unheimliches eingeschrieben – sind es die Berge, die schroffen Hänge? Die Kinder von Rattenberg wirken gelangweilt. Der Inn schimmert in feinen Blautönen, er liegt glasig breit und prächtig vor der Bergkette das Stadtinnere aber ist von einem bedrohlichen Wind durchweht, einer Leere, es ist Februar, alle Museen sind geschlossen. Einsamkeit fliegt mich an. Ein blaues Seidenband weht vor den Fachwerkhäusern auf der anderen Seite des Inn, durchgeschabt an einigen Stellen.

Die tödliche Kälte und Stille von St. Virgil –

Seit ich aus der Kirche herausgetreten bin, wird es immer stiller, rauer, grauer. Rattenberg, es tuschelt von den Berghängen. Die Fassaden sind alt und bunt, ein orange-braunes Brauhaus an dem großen Platz, die Post in einem Ensemble von Häusern, dreifarbig vor dem noch blauen Himmel, grün, mattgelb, rosa. Bunt wie in Innsbruck (aber weniger fröhlich), die schroffen Berghänge überragen die Stadt, sie scheint in die Berge hineingebaut oder an ihnen zu kleben. Ich gehe lange herum, aber nirgends hinein, denn es ist alles geschlossen. Die Kälte weicht nicht mehr aus meinem Körper, geblasenes Glas funkelt in Schaukästen.

Die Jungs von der Festung rollen auf Mountainbikes an mir vorbei. Kids von Rattenberg. Später auf dem Parkplatz beschimpfen sich zwei Gruppen von Jugendlichen, schreien laut. Eine Frau geht auf dem Bahnsteig auf und ab, isst einen Döner.

In der S-Bahn empfinde ich es beinahe als ungewohnt so viele Leute auf einmal zu sehen.

Auf dem Abendspaziergang durch Schwaz, einen Tag später, schaue ich die Dinge wieder von vorne an, ich meine, sie erscheinen mir neu, als sähe ich sie zum ersten Mal. Wohl eine veränderte Beleuchtung, fallende Nachtvorhänge.

Ein Trommelworkshop unter dem hohen schlanken Turm, ich habe seinen Namen vergessen. Fünf Uhr Tee, überall Plakate, das Goldkräglein einer Zigarettenschachtel im Müllraum, die Tonnen stehen im Halbkreis wie ein Chor, die Bildergalerie in dem langen fensterlosen Gang, Geistertüren öffnen und schließen sich.

Die Berge wechseln ständig ihr Gewand. Es regnet und regnet. Fahrkarte nach Verona gekauft.

Myriam Khouri, 3.2.2020