Le néant

Nach Tagen überfällt die Gewohnheit einen und sie überfällt einen teuflisch.

Ich stieg fest in die Pedale des blau lackierten Fahrrads, Blumen wippten an der Klippe eines Flechtkorbs, der ebenfalls blau bestrichen an der ausschweifenden Lenkstange befestigt war. Wir fuhren vorbei an Hufnagelhäusern in Hellblau mit geschwungenen Giebeln, an beigen und braunen Feldern. Er fuhr vor mir, wir fuhren nach Illmitz und von dort aus zum See. Um uns herum rollte das Nichts, es rollte sich weiträumig aus, nur, dass es keine Räume bildete, wie andere Landschaften das tun, indem sie hier und da begrenzt werden von Hügeln, Bergen, Baumgruppen, Gebäuden – hier war einfach nichts, hauptsächlich nichts, das Land war flach und staubig. Auch das Licht war von einer milchigen Schicht bedeckt, der Himmel wurde niemals richtig blau, er blieb eingetrübt wie die Felder, die Gegenstände, die Bäume, das Holz und die Häuser. Um alles stand dieser unbewegliche Filter, der nicht zu durchreißen, nicht zu durchdringen war. Deshalb kam das Gefühl der Gewohnheit so schnell, das mich einpackte.

In unregelmäßigen Abständen, aber doch zuverlässig und zu jeder Tageszeit, egal wo wir uns befanden, fuhr ein Traktor vorbei oder krähte ein Hahn. Es gab im Garten des Hauses zwei große prächtige Hähne mit geschwungenen schwarzen Schwanzfedern, die vermutlich abwechselnd krähten – krähte der eine, krähte der andere daraufhin auch. Ich konnte ihr Krähen nicht unterscheiden, dafür war ich noch nicht lange genug hier. „Vom Philosophen Immanuel Kant ist überliefert, dass er einen Hahn in seiner Nachbarschaft kaufte und anschließend verspeiste, weil ihn dessen Krähen regelmäßig bei der Arbeit gestört hatte.“1

Hühner gingen mit großen Schritten durch den Garten und pickten im Gras, wir hörten sie, wenn wir auf der Terrasse saßen, zeichneten oder lasen, auf dem Balkon hörten wir ihre Stimmen erschallen und das Rascheln des Hundes im Gebüsch, die Hufe der berittenen Pferde auf der Landstraße hinter dem Haus hörten wir auch.

Am dritten Tag fragte er mich, ob ich nicht aquarellieren wolle. Es war unser Französischtag und ich antwortete ihm auf Französisch, das würde ich gern, ich habe auch schon daran gedacht in den letzten Tagen, wir standen auf dem Balkon und ich wies mit einem ausgestreckten Arm auf die Landschaft, die sich zu allen Seiten gleichförmig erstreckte, ich sagte: Oui, j’aimerais bien. Mais le problème, c’est le néant.

Wir lachten darüber, als wir auf einem flachen Mäuerchen aus Beton am Ufer des Sees standen. Das Mäuerchen war geriffelt, sodass man nicht ausrutschen konnte und der See lag vor uns wie eine Computeranimation. Er war grauweiß, flach und über ihm hing undurchdringlich das Licht, das Licht dieser Landschaft, eine Landschaft aus Nichts, wie ich sie vorher nie gesehen hatte. Gerade im Vergleich zu der Berglandschaft, aus der ich hier her gereist war, wirkte sie unendlich leer. Wir hatten zwei Tage zuvor einen langen Spaziergang gemacht durch die Felder, die alle noch kahl waren, es war März, es war zwar schon warm, aber es wuchs noch nichts. Die Erde lag manchmal aufgelockert, schwarz und in Brocken zerpflügt, manchmal in künstlich wirkenden Rillen, geometrisch wie ein abstraktes Gemälde oder die Oberfläche einer Fußmatte, aber um ein Vielfaches vergrößert, um uns herum. Es stäubte um unsere Schuhe, wir hatten nichts zu trinken dabei, wir gingen einfach immer geradeaus, aber es gab kein Ziel. Es gab keinen Berg auf den wir steigen, keinen Wald den wir erkunden konnten. Irgendwann kamen wir an ein Infohäuschen mitten im Nichts, darin hingen Tafeln mit Bildern von Vögeln und Enten die es hier gab und die man, mit einem Fernglas ausgerüstet, beobachten konnte. Ibsen –

Ab und zu kam jemand auf einem Fahrrad oder einem Pferd vorbei.

Er sagte, das Beobachten von Vögeln sei das einzige was man hier tun könne. Es sei Steppe, sei tot, das absolute Nichts und er wiederholte das Wort le néant. Wir wunderten uns, wir fragten uns wie dieses ständige Umgeben sein von Nichts sich auswirkte auf diejenigen, die hier lebten. Vielleicht füllen sie es, sagte ich, vielleicht regt es sie an zu gestalten.

Ich dachte an Beckett und an seine kahlen Bühnenbilder, sein Reduzieren der Formen und Worte auf das Nötigste, das Letzte, um die letzten Dinge sagen zu können die noch blieben, wenn überhaupt. Ich fragte mich, wie ihm dieses Nichts gefallen hätte. Auch die Giacometti Ausstellung in Verona fiel mir ein, dürr aufragende Figuren waren in einem hohen hellen Raum aufgestellt, in ihrer Kargheit gewaltig. Damals war noch alles in Ordnung, dachte ich, es ist erst sechs Wochen her.

Beige braun beige ein schmaler Streifen grün, alles flach, alles in einer Ebene. Ein dürrer Baum dazwischen, eine kleine Hütte aus Stroh und ein Mast, ich wusste nicht, was es bedeutete, es standen hier überall solche Hütten und Masten, das war das einzige, was stand, sonst lag alles flach.

Nachdem ich mich in den letzten Wochen so an die Berge gewöhnt hatte, war es seltsam am ersten Morgen nach meiner Ankunft in der Steppe aus dem Fenster zu schauen und nur eine ausgedehnte Fläche zu sehen, die leer war. Jemand hat die Berge abrasiert und fortgetragen- ich sagte es zu ihm, in den ersten Tagen nach meiner Ankunft im Flachen. Die Wolken am Himmel waren gegen Abend rosa umsäumt, einmal ging die Sonne glühend rot unter, während wir zwischen Weinlagen hindurch radelten. Ich kannte Weinbau bisher nur an Hängen, sagte ich.

In den letzten Wochen in Tirol hatte ich mir angewöhnt täglich in die Berge hineinzugehen. Sie nahmen mich auf in die Falten ihrer steinernen Röcke, die nach unten hin breiter wurden, sie umgaben mich reichlich mit Fichten, Rotbuchen, Föhren, sie umwickelten mich mit Brokat und Samt aus Moos und Farn und präsentierten mir großzügig ihre Frühlingsstickereien aus ersten feinen Blüten in Lila und Gelb von frischen Grashalmen umsteckt. Sie umfalteten mich fest und ich blieb, ich lief immer weiter in ihren Räumen, Kapellen und Arkaden umher. Auch die Geräuschkulisse war vielfältig, es klirrte das Wasser der vielen stürzenden Bäche auf die Steine herab, die Fichten sie wisperten, manchmal knackte es oder es klopfte ein Specht. Ich ging auf meinen letzten Wanderungen vor der abrupten Abreise in den Faltungen der Berge umher, ich stieg hinauf und hinab, ich blickte ins Tal und wandte mich wieder dem tiefen Wald zu. Ich dachte, der Natur ist das egal, der Natur können all die Verbote und Beschränkungen, kann die beängstigende Macht, die sich innerhalb weniger Tage auf uns herabgesenkt und uns in die Behausungen gebannt hat, nichts anhaben. In diesen letzten Tagen strahlte der Himmel so blau, dass es beinahe ironisch wirkte, angesichts der Lage, in der wir uns alle befanden. Wir sollten nicht mehr vor die Tür oder so wenig wie möglich. Polizisten patrouillierten durch die freundliche kleine Stadt und überprüften, ob man auch nicht grundlos hinausgegangen war. Der Spielplatz vor dem Fenster war verlassen und versperrt – keine Kinderspiele mehr. Auch in dem Kloster um mich her war es still geworden, auf den Gängen war niemand anzutreffen, die gemeinsamen Veranstaltungen waren sämtlich abgesagt, die Bewohner wurden angehalten die Einrichtung nicht zu verlassen. Ich verließ sie an einem Montagvormittag ganz, eineinhalb Wochen zu früh und mit einem schmerzlichen Gefühl. Ich musste auf einmal Abschied nehmen von den Bergen und den Leuten, unter denen ich mich wohlgefühlt hatte. Auch von der Wohnung, von dem Fenster, das mir jeden Morgen die Bergkette auf der anderen Seite präsentierte, von den weichroten Vorhängen. Die Wohnung hatte ich rasch gesäubert und ausgeräumt, hatte alles, was noch hineinging, in meinen roten Koffer gepackt, den ich nun hinaus und in W.‘s Auto brachte, wir fuhren zum Bahnhof, wir mussten uns beeilen. Ich hatte lange gebraucht, vielleicht, weil ich gar nicht gehen wollte. Als ich aus dem Auto stieg und zum Bahnsteig eilte, fiel meine Jacke mir herunter und ich stolperte über sie hinweg. Dann saß ich in der S-Bahn nach Wörgl, wo ich umstieg in einen fast leeren Zug nach Wien. Nach zwei Stunden entschloss ich mich ins Bordbistro zu gehen, womöglich würde ich doch einen Kaffee bekommen. Wie ich erwartet hatte, war die Theke zwar geöffnet, aber der Raum mit den Tischen und Bänken leer. Neben der Theke hing ein Schild „Nur Snacks und kalte Getränke“ – ich dachte zunächst es sei niemand da. Da sah ich hinter der Theke, auf einem hohen Hocker aufrecht sitzend einen Mann in der rotweißen Kluft des Bordbistrots, er war in tiefem Schlaf versunken, sein Oberkörper schaukelte leicht und hinter seinen flatternden Lidern war ab und zu das Weiß seiner Augen zu sehen. Ich musste fast lachen, betrachtete ihn einen Moment lang und kehrte an meinen Platz zurück. In Wien stieg ich aus dem Zug, so hatte ich diesen Bahnhof, an dem ich in den letzten Jahren sehr häufig ein-und ausgestiegen bin, noch nie gesehen. Es waren zwar ein paar Leute unterwegs, die Bahnsteige aber waren völlig leer, es war dunkel und kühl. Es war Abend. Ich wartete auf einen Zug in die Steppe.

1 Karl R. Gegenfurtner, Gehirn und Wahrnehmung, Fischer Verlag, 2004

Myriam Khouri, 20.03.2020