kleine weite

freitag, 26.10.2018

kleine weite. so nennt ulla das. also den abstand, den man hier in so einem tal haben kann oder vielleicht sogar braucht. der manchmal schwer zu finden ist. und sie sagt, dass es weiter oben eng werden kann. weiter oben, das bedeutet, am berg. in der höhe. dort, wo die bäume dicht neben einander stehen. dort, wo das grün sich verdunkelt, aus konturen etwas randloses macht. dort, wo die kühe seltsam in die landschaft geklebt scheinen. dort, wo der abstand zwischen zwei bäumen manchmal nicht ausreicht. für einen selbst. und für den andern. und zu gerne würde ich jetzt ihren dialekt in jedes wort einschreiben, denn auch er verengt. aber anders. gibt der leerstelle so eine schöne weiche. aus der ein gutteraler laut entsteht, der etwas mit nähe zu tun hat. zu tun haben kann. und nichts mit der höhe. die manchmal vielleicht zu eng ist, zum denken, zum leben. hier unten aber ist es anders. nur etwas. entscheidend. diese kleine weite.

und bei kleine weite denke ich an skácels kleine weile. und was für ein wunderbares gedicht das ist. und dass man es überall mit hinnehmen, mit sich tragen kann. auch oder besonders an so einem tag wie heute. dem nationalfeiertag. dem großen österreichischen zapfenstreich. hier im stadtpark. große worte für so einen tag. in einer kleinen weite. in der dennoch so viel platz findet. nicht nur für erzähltes. auch für bilder. aufnahmen einer anderen zeit. wie heute im mathoi-haus. fotografien von georg angerer, einem schwazer fotografen, der anfang des letzten jahrhunderts das atelier seines vaters übernimmt. zu einer zeit also, als fotografie noch immer einem experiment gleicht. und belichtungszeiten wirklich zeit brauchten. nicht nur zeit und licht, sondern vor allem auch dunkelheit. einen abgeschlossenen raum im freien. so ein paradox. die black box. gleichermaßen. für eine kleine weile.

ich gehe auf tuchfühlung. nicht nur mit dem ort, auch mit dem bildmaterial. sehe diesen ort aufgezogen auf karton, das ehemalige glas noch spürbar. in rissen. der entwickler. blasen, zweidimensional, filigrane zeichnungen auf vergangenheit. nichts retouchiertes. das festhalten eines augenblicks. eine kleine weile. die stille des beobachtens. die zeiten. die menschen. die orte. vergangen, eingefangen. sichtbares. die vielen augen davor, eine große weite. für eine kleine weile.

 

Kleine weile

Für keine wahrheit der welt.
Doch wenn du willst,
für einen pfennig stille.

Ein verweilen gibt’s, das die gegend teilt.

Demütiger augenblick,
da jemand für uns atmet.

 

(Jan Skácel)