ich sitze am äußersten rand eines astes (mayröcker)

montag, 15.10.2018

ich sitze am äußersten rand eines astes vor dem fenster, der berg bleibt. nachts verschwindet er, wird verschluckt. das dunkel klüftet mein hirn, das hirngeschalte. irgendjemand ersetzt die sterne, irgendetwas leuchtet anstelle ihrer. vielleicht nur die vorstellung, das abbild des tages, die idee, dass hier sterne sein müssten. das auge irritiert, sucht, verliert sich. schließmechanismen, wiederkehrend, der berg noch immer vorm inneren auge; die nacht hat ihre eigenen realitäten oder auch gar keine, so also ist es auch hier. morgens ist der berg wieder da, schiebt sich ins fester, das geklüftete, die gekanteten spitzen hell, darunter das dunkelgrün der nadelbäume ein weichzeichner, konturen verwischend.

deutlich hörbar im sonntagmorgen: ein geräusch; das tuckern von motoren, traktoren samt anhänger. letztere geschmückt mit sonnenblumen und gemüse, hopfen soweit vorhanden, getrocknet, hier und da leere kartoffelsäcke als orangefarbene rosetten, das plastik seltsamer kontrast zum naturtümlichen, und hinter oder auf den wagen junge leute, so adrett scheint alles inmitten des gezimmerten holzes, der gezimmerte blaue himmel, die gezimmerten weiß getünchten wände, ein einziges zimmer der ort, vielmehr ein großes stadl, zumindest im moment, die kleinen gassen entlang die überschmückten fahrzeuge und die jugend in dirndl oder lederhosen, die haare gekranzt, geflochten, ums hirn, nein um die stirn gelegt, ich kenne das von früher, vage bilder jetzt im kopf, vor söder- und seehoferzeiten, werde in die eigene kindheit geschickt aufs bairische land, so schnell geht das also, trage ein rotes dirndl aus wolle, meine oma hat es gestrickt, bequem ist es, im gegensatz zu denen, die noch folgen werden, die wir aber nur noch selten tragen.

ich sitze am äußersten rand eines astes der zug bleibt in den gassen hängen, stoppt, stille. dann aufkommend: blasmusik. überraschend sanft, so ein leichtes wogen, als ob sich alles in diesen sonntag einschmiegen wollte. es ist erntedank. es ist festmesse. es ist sonntag, der himmel nun überblau, der stadtpark überfüllt mit fahnen, dirndln und lederhosen; es ist jungbauernfest, es ist auch wahl in bayern, es ist mein erster tag in dieser stadt, es ist ein jetzt, es ist ein früher, ein eigenes früher, es sind gleichzeitigkeiten in meinem kopf, dieser wachsenden hirnschale.

die sprache schweigt erstmal, setzt sich mit auf die bank, oben, neben dem kreuzgang. in allem die stimme des pfarrers, die wege entlang, zur kirche hin oder von ihr weg, gesäumt von fein säuberlich gepflanzten rabatten, die adrettheit der alten zeit gepflanzt in begonien, in kleinen knöpfchen inmitten der blumenköpfchen, nichts von hirnschalen zu spüren, überbordend das ganze, aber der rand hält, alle halten sich an ränder, nicht zuletzt die ehrenkompanie, einhalten der begrenzung, an grenzen, wie soll es unterm blauen himmel auch anders sein, in diesen vaterländern mit festen stimmen, feststimmen, da kommt kein kopf aus, oder nur selten, vielleicht dann, wenn die schüsse kurz die luft zerreißen, wirklich zerreißen, das jetzt zerreißen: dringt sprache ein, vielmehr der dialekt, schleift sich ein, schleift sich auch durch mich, schleift die ecken meiner sprache, holt etwas sanftes hervor, weicher wird alles, die lippen runden wort für wort ab, so ein tropfen der sprache, langsamer wird alles. oder nur mein bewusstsein. ich sitze am äußersten rand eines astes.