erste Tage

Die Berge gegenüber der Wohnung, weiß besteckt. Milchpfützen um Kufstein.

Wir sind etwas trinken gegangen in ein gelbbraunes Lokal, unten am Inn. Es ist eine eher kleine Stadt, die man schnell durchschritten zu haben scheint.

Im Dunkeln liegt der Ausschnitt einer Wohnung, losgelöst vom Boden, kleine Wohnblase.

Schwere Kapellentür am Ende des Gangs, die achteckigen Bodenfließen schimmern rötlich, wenn ich meine Hand aus der Tür strecke und das Licht einschalte.

Reißender Inn unterwegs in der S-Bahn den roten großen Koffer gezogen, gleitet neben mir her, wie Lämmchen / Fuchs.

Kinder im Schnee vor dem Fenster am Nachmittag.

Ein roter Hubschrauber hielt auf einem Dach schräg gegenüber.

Klare kalte Luft und Schnee, den ich vorher kaum sah.

Die Schneetrassen von oben in den Berg gekippt, Tücher ausgebreitet und Löcher hineingeschnitten, um die nach oben hin ausdünnenden Wohnlandschaften sichtbar zu machen, einige Häuser mit Giebeldächern stehen aufgereiht auf einem Plateau, das aus dem Hang hervorspringt.

Ich bin durch die Kirche gegangen heute am Vormittag, einfach losgelaufen oder es war Mittag schon bimmelte nebenan die Klosterglocke, als ich gerade die Tür schloss zur Wohnung- letzter Kontrollblick auf Lichter, Herd und Wasserhahn.

Die Schneetrassen gegenüber waren vor mir da. Ich habe mein Amt erst gestern angetreten. Im Rathaus interessiert das nicht sehr, als ich mich vorstelle, schaut die Frau mit dem gefärbten Haar mich an, als sage sie na und- verzieht den Mund oder verzieht ihn gerade nicht, bewegt sich zu dem Regal mit Plänen, für eine Wanderkarte müsse ich ins Tourismusbüro, mit einer Kollegin wirft sie Worte hin und her, beide in schwarzem Fleece mit rotem aufgesticktem Herz. Ein Mann kommt herunter mit kurzem Bart, den er in den Händen trägt. So schaut er mich an und geht mit mir über die Straße, an einem großen Gefährt vorbei, das Straßenarbeiten durchführt, in einen Fahrradschuppen, da steht ein verstaubtes Rad, dessen Sattel aber locker ist. Wir gehen unverrichteter Dinge zurück. Die zweite Empfangsdame schüttelt ihr bleiernes Haar, als ich gehe ruft eine Stimme: Achtung! Sie stoppen die Arbeiten bis ich vorbeigegangen bin, dann ruft ein Mann dem anderen zu: „geht schon!“

Die Arme noch schwer vom Koffertragen gestern.

Spiegelgesicht wölbt sich im Kopf der Silberlampe, die Silberstadt in der ich ein Amt versehe, das ich noch nie innehatte.

Am Morgen rollen sich bunte Kinder im Schnee rutschen auf Plastiktellern mit langem Griff kleine Hügel hinab aus Eis und Schnee, im Garten des holzverkleideten Kindergartens.

Ich gehe also einen Abhang hinauf, vorbei am Fuggerhaus, Fugger = Handelsfamilie-oder zunft aus Augsburg. Das Haus steht schwungvoll ausgebreitet mit dezenten grauen Schnörkeln auf der weißen Fassade, es steht wie ein aufgeschlagenes Buch, etwas geheimnisvoll. Gestern Abend als wir zurückkehrten aus der Bar, den Weg hinaufgingen, zu dritt machte ich die anderen beiden darauf aufmerksam, wie weiß es strahlte im Dunkeln.

Ich trete auf und in den Schnee, bin zu dünn angezogen friere bald, Sonne leuchtet herab über den Bergen, die auf allen Seiten in die Höhe wachsen, strahlendes Himmelblau, eine Frau geht über den Platz mit der gekrümmten Statue, bemaltes Haus dahinter, zwei Leute fragen mich nach dem Weg.

Blick aus dem Klofenster erstaunlich, jetzt rutschen sie auf blauen Tellern.

Gelbe Stickerei in den Vorhängen, rot gewordenes Haar- am Morgen als ich erwachte lachte es rot ins Zimmer. Spitze des Bergs tippt so fingerhoch!

Im Haus, in dem ich nun hause, sollte ich mich heute Vormittag an der Rezeption melden, dachte länger darüber nach, was wohl Vormittag ist, wie das gesehen wird, in diesen Breiten. Ging um elf herunter durch das knarrende Treppenhaus. Die Treppen sind aus schönem dunklem Holz, vermutlich noch ein Rest des alten Klosters, der Großteil des Gebäudes ist renoviert, aus dem Treppenhaus öffnen sich Fenster zum Klostergarten hin, hell begrünt. Ich klopfe an die Tür des Büros, eine Sonne darauf geklebt aber niemand öffnet.

Den Berg gegenüber in verschiedenen Lichtzuständen fotografiert = notiert.

Es dämmert langsam vor dem Fenster (fenestra) rosa Licht wirft sich auf die Fassaden.

Die Kirchräume waren hoch und dünn, dünne gewundene Stäbe mit dramatischen Figuren darauf. Zunftstangen.

In einem Buchladen in der Franz-Josef-Straße wollte ich Papier kaufen, aber als ich in meinem Rucksack kramte, war der Gelbeutel nicht da (Kramsach-Rattenberg gestern mit der S-Bahn durchquert, lustiges Grüppchen neben mir im Abteil, Frau mit wild nach hinten geföhntem Haar, schwarz und blau)

In einer Bäckerei: Angestellte mit pinkrotem, fingerhohem Haar und Wüste (= Mütze in Faschingsoptik), gelb weiße Rauten oder Karos, von denen alle Gimmiks im Café dekoriert sind.

Die Zunftstangen sind überall in der Kirche aufgestellt, hoch und dünn ragen sie in die Luft aus gedrehtem gedrechseltem Holz, bunt lackiert, dramatische Gesten der Figuren in faltenvollen Gewändern.

Die Luft ist hier klingend und hell, es muss an den Bergen liegen.

Jemand rollt im Fahrradkorb durch die Stadt, gibt es hier eigentlich ein Kino?

Einen Ausschnitt geträumt: Interiors Now.

Kryptische Krapfenmode, Kleeblatt in die Halsbeuge tätowiert.

Ritter Dene Voss

Mehrmals Ritter, Rattenberge.

Kokoskrapfen, Krapfenparty.

Gesplitterte Muster um die gegenüberliegenden Fenster über der Sparkasse, Zackenmuster in schwarz grün und grau. Buchhandlung Tyrolia, den Geldbeutel vergessen, Dieb in der Nacht, Paris oder Tokyo.

Kochen mit Brot.

Riesenpanorama-Fenster auf die Franz-Josef-Straße – fokussieren sage ich mir: Holzregale im Kastenbrot oder anders herum, alles andersrum machen: aufstehen ausziehen umfallen.

Trassen von Schnee fallen die Berge herab vor meinen armen Augen-

Mauern aber fallen in Pompeji seit 250 Jahren um.

28.1.2020, Myriam Khouri