Die Katzen vom Pirchanger

Die Katzen vom Pirchanger, fünf oder sechs, drängen sich um eine Hoftür, in der ein Mann gerade verschwindet. Sie sind gestreift, gepunktet, weiß und schwarz. Eine von ihnen sitzt auf einem kleinen Tisch neben der Tür und dehnt sich auf der runden Platte, die anderen reiben ihre eleganten Körper dicht aneinander in den Türspalt hinein. Eine Buntgescheckte stellt sich am Türholz hoch und kratzt. Es ist ungewöhnlich so viele Katzen auf einmal zu sehen- sie sind doch Einzelgängerinnen.

Ich habe während dieses Spaziergangs schon drei Katzen gesehen, getrennt voneinander, die erste am Freundsberg, der Weg stieg steil an, die Katze querte vor einem Wohnhaus die Straße, viele Häuser, alte und neue, hölzerne und solche aus Beton, säumen den Weg der zugleich eine Straße für Autos ist, auf der PKWs den Weg hinaufbrummen, mich an die Seite drängen. Als die Katze kommt ist kein Auto in Sicht. Sie trägt edles hellgraues Fell, ist kräftig und hat grüne leuchtende Augen. Ich miaue ihr zu, da sieht sie mich an und drückt ihr Köpfchen gegen meine Hand, ich darf sie streicheln, sie miaut noch ein bisschen und verschwindet dann in einer offen gelassenen Haustür. Ich steige weiter, zunächst zur Burg Freundsberg, dort biege ich ab in Richtung Pill. Heute sind viele Leute unterwegs auf den weichen Wegen, der Bodenbelag federt beim Gehen. Ich bin diese Strecke schon einmal gegangen, doch ohne Schnee sieht es anders aus, kommt die Vielfalt der Landschaft zur Geltung, entfalten sich Details, verschiedene Farbtöne von samtigem Grün und tiefdunklem Braun, Einzelheiten im Wurzelwerk, im Moos, in den Halmen und Blüten, den Felsen, die zwischen den dunkelbraunen Schichten hervorragen, Tannennadeln, kleine fallende Gewässer, die letztes Mal noch gefrorene waren zu gläsernen Spitzen- still und stechend. Heute wirkt alles weich und offen, die Berge tragen nur oben noch Schnee, ihre weißen Säume leuchten vor dem blauen Himmel, weiter unten hellgraue Haut und Wälder. Die dünnen Beine der Tannen, denke ich beim Aufstieg. In dem Brunnen, der letztes Mal von einer Eisschicht bedeckt war, badet ein übermütiger blonder Hund.

Ich gehe aber nicht nach Pill, sondern nehme den Weg, der aufwärts geht zum Staudachhof, dort war ich noch nicht. Der Boden wird immer weicher, Wurzeln mit grüner Ummantelung, weiße Kiesel, die hellgrünen Klotzbauten im Tal. Oben ist der Boden von einer Moosschicht so dick gefedert, dass ich das Wort „soft“ denke beim Gehen und sinke ein wie auf einer Softmatte, Turnmatte.

Eine lange tiefbraune Scheunenwand erscheint in der Höhe aus senkrechten Latten zusammengesetzt, davor eine Bank mit eingebranntem Logo „Silberregion Karwendel“, die Rückenlehne in Form eines Gebirgszugs. Ich gehe an dem Hof vorbei, der aus mehreren Scheunen und einem großen Haus besteht, unten weiß verputzt, oben von hellem Holz verkleidet mit geschnitzten Balkonsäulen und geschwungener Dachgarnitur, wie sie hier an vielen traditionellen Häusern zu sehen ist. Auf dem Hof arbeitet jemand mit landwirtschaftlichem Gerät. Ein Stück weiter steht eine Bank zwischen hellgrünen Wiesenhängen, die sich wölben, ein Asphaltweg führt daran vorbei. Ich setze mich und schäle eine Mandarine, direkt vor mir streckt sich ein Obstbaum in den Himmel, dehnt sich schräg über den Hang, er muss schon lange hier stehen, seine Zweige und sein Stamm sind knorrig und von dick-schuppiger Rinde besetzt in dunklem grau. Ein dicker Zweig, der direkt am Stamm entspringt und in eine Richtung weist (Richtung Inn) ist von samtig-grünem Moos ummantelt, oben dünnere vielfach gebogene Zweige, wirres Geäst.

Als eine Frau an mir vorbeigeht frage ich sie, ob ich nach Pill komme, wenn ich auf dem Asphaltweg weitergehe. Sie fragt: wohin wollen Sie? Ich sage: eigentlich will ich nach Schwaz, aber ich will nicht wieder den gleichen Weg zurückgehen. Da erklärt sie mir, der Asphaltweg schlängle sich runter nach Schwaz, dem müsse ich nur folgen. Sie geht voraus, als ich sie kurze Zeit später, auf dem Vorplatz ihres Hauses am Hang, noch einmal treffe, rät sie mir bei einer Garage abzubiegen, das sei eine Abkürzung. Ich bin mir nicht sicher, wo ich abbiegen soll und folge also einem Weg der sich auftut neben einem rohen Betonbau, der auch eine Garage sein könnte. Neben mir auf einmal eine eingezäunte Koppel, breite Ponys mit schwarzem Fell schauen mich überrascht an, auch ein großes braunes schlankes Pferd, das ein Stück neben mir her trabt. Der Weg stellt sich aber als nicht der von ihr gemeinte heraus, denn er endet einfach irgendwann zwischen den Wiesen vor einem Abhang, rechts von mir eine neu gebaute Scheune, das Tor steht offen und darin stehen Feldmaschinen in rot und gelb funkelnd. Ich steige einfach quer über die Wiese hinab und komme wieder auf die Straße, der ich folge, bis zum Pirchanger.

Am Anfang des Pirchangers oder am Ende je nach Wegrichtung, tummeln sich interessante Architekturen, einerseits die traditionellen Holzhäuser, deren obere Stockwerke von Holz und feinen Schnitzelementen verkleidet sind, hier sind sie besonders fein. Bei einem Haus sind verschiedene Holzfarben eingesetzt, was die Ornamente, die Formen der Balkonsäulen, das Fries am Dachfirst klar hervortreten lässt. Andererseits sind auch viele moderne Häuser zwischen die traditionellen gesetzt und zusammen ergeben sie ein interessantes Ensemble. Durch die Hanglage sind sie ausschnitthaft und hintereinander gestaffelt sichtbar, ergänzen oder widersprechen sich, die einen ornamentiert die anderen streng geometrisch, dazwischen leuchtet es grün und blau, strecken Bäume ihre Äste aus – ein Architekturgespräch zwischen den Wohnhäusern, ein Wispern und Flüstern der Formen und Zeiten. Die neueren Häuser sind entweder aus Beton mit großen waagerechten Glasfenstern, mehrere Kuben, verschieden groß, gestapelt und verzerrt, oder sie versuchen eine Weiterführung der traditionellen Holzarchitektur, sind unten weiß verputzt und oben von hellen Holzlatten verkleidet- allerdings haben sie größere Fenster als die alten Häuser, ganze Wohnräume sind sichtbar und in den Glasscheiben spielgelt sich die Landschaft.

Als ich die Katzen erspähe auf dem Gehöft bleibe ich stehen und schaue staunend und entzückt, noch nie oder lange nicht mehr habe ich so viele Katzen auf einmal gesehen, ich sehe zu wie sie sich pelzig umstreifen. Ein Junge kommt den Weg herauf und sieht mich schauen, wundert sich vermutlich oder er weiß, dass die Katzen dort wohnen.

Zum Kloster zurück auf dem oberen Weg, der mir lieber ist, als der untere, in der Wohnung fliesst goldenes Tuch zum Fenster herein (und Schreie).

Myriam Khouri, 18.2.2020