der Zustand

Wir hatten nur diese zwei Räume, die von der geraden Treppe miteinander verbunden waren. Den oberen und den unteren Raum. Seit zwei Tagen durften wir nicht mehr hinaus. Es war eine Verordnung von „oben“, von staatlicher Seite, staatlicher Stimme, die sprach – sie sprach in der gewohnten Hülsenhaftigkeit, also in hohl klingenden Sätzen, doch dieses Mal bedeuteten sie etwas. Bedeuteten ganz konkret etwas für uns. Wir sollten zu Hause bleiben, wir sollten soziale Kontakte meiden. Erstaunlich, dass ein Staatsoberhaupt so etwas sagt, sagten wir zueinander, wunderten uns nicht schlecht, als wir ihn über die Bildschirme flimmern sahen, die gewohnte nichtssagende Stimme hörten, die auf einmal etwas sagte. Wir blieben in unserer Wohnung – auch wir wollten es nicht riskieren.

Abends und in der Nacht erschien uns die Wohnung noch kleiner, es mag an der Dunkelheit vor den Fenstern gelegen haben. Als stellten sich mit der Schwärze undurchdringliche Wände vor den Fenstern auf und spönnen die Wohnung ein. Ein Kokon, der sich dicht um den Körper legte, auf den Augen drückte und so ins Gehirn wanderte mit einem einengenden Gefühl, aus dem wir nicht herauskamen, bis es Morgen wurde. Es war ungewohnt, auch dann nur das Fenster öffnen und sich hinauslehnen, nicht aber hinausgehen zu können. Wir haben immerhin zwei Zimmer, sagten wir zueinander, andere haben nur eins. Wir nickten und schauten auf unsere Blätter. Gut, dass wir uns beschäftigen können, wir lasen, wir schrieben und zeichneten. Draußen war der Himmel blau, stechend blau, auch das wurde allmählich unheimlich. Es scheint uns nur seltsam, weil wir nicht hinauskönnen, sagten wir und nickten wieder, manchmal schliefen wir einfach, tagsüber, wir konnten ja nicht hinaus, also verschliefen wir einfach die Stunden, die wir sonst draußen verbringen würden, unsere Beine zuckten im Schlaf.

Es lag kaum noch Schnee auf den Bergen, es wurde immer wärmer, wir konnten es spüren, wenn wir die Fenster öffneten und die weiche Luft sich in unsere hinein Räume bewegte, sich auf einmal ganz anders anfühlte als vor ein paar Tagen, als es noch Winter war. Die Luft wurde weicher, die Haut der Berge hingegen schroffer, denn unter den weichen Schneedecken verbargen sich steinerne Häute, Falten und Furchen, Abgründe und Wunden.

Uns erschien es unglaublich, dass erst zwei Tage vergangen waren. Es erschien uns viel länger, natürlich, wir waren es nicht gewohnt so viel Zeit in der Wohnung zu verbringen und obwohl sie zwei Zimmer, sogar zwei Etagen hatte wurde sie immer enger. Wir hörten Stimmen in den Wänden, wir sahen unsere Möbel verwandelt: wachsend wie große braungrüne Reptilien lagen sie zwischen den Pflanzen, am dritten Tag setzten wir uns nicht mehr darauf, weil wir Angst vor ihnen hatten. Wir sparten nun auch am Essen, wir hatten zwar einige Vorräte angelegt, doch nicht sehr viele. Die Karotten schnitten wir in feine Scheiben oder Würfel, verwendeten immer nur ein Drittel einer Karotte oder je nach Größe auch mal eine halbe pro Kochvorgang. Wir reduzierten allgemein unser Essen, wir brauchten natürlich auch weniger, da wir uns weniger bewegten. Andererseits hatten wir vielmehr Zeit und wenig Ablenkung, sodass uns häufig schien als hätten wir Hunger, was unsere Nerven zusätzlich verzehrte.

Unsere Nervenkostüme trugen sich ab, umso länger der Zustand anhielt.

Wir hörten Stimmen aus den Wänden, wir wussten, das waren die Nachbarn, das waren andere so wie wir, die auch nicht herauskonnten, doch das Poltern aus den Wohnungen, die um unsere herumlagen wurde immer fremder und erschien uns dadurch laut und gefährlich. Es erschien wie eine von außen eindringende Gewalt gegen die wir nichts tun konnten, die uns aber bedrohte und rein durch ihr akustisches Dasein verletzte. Wir fühlten uns zunehmend ausgeliefert und in diesem ausgeliefert Sein schwand unsere Fähigkeit zu denken und uns dadurch ein wenig inneren Raum zu verschaffen, in dem wir uns weiterhin bewegen konnten, wenn es schon der Außenraum nicht zuließ.

Es gab kein Außen mehr, es gab nur noch die Räume, die unsere Körper unmittelbar umgaben, die wir selbst eingerichtet hatten und die uns nun als Ausdehnung unserer selbst erschienen. Da wir uns in unserem Inneren nicht mehr wohlfühlten, unverträgliche harte Gedanken sich in uns ablagerten und keine äußeren Anknüpfungspunkte mehr fanden, wurden auch die zwei Innenräume für uns unbewohnbar, doch wir mussten ja drinnen bleiben, so sehr unsere Körper auch nach draußen strebten.

Nach zwei Wochen hatten wir uns aufgeteilt. Wir bewohnten nun weitgehend getrennt voneinander die beiden Räume, den oberen und den unteren. Musste der oben Hausende aufs Klo, das sich unten im Eingangsflur befand, versteckte sich der unten Wohnende lauernd hinter der Zimmerpalme. Wir wurden feindselig gegen uns selbst und den anderen.

Wir hatten kaum noch zu essen, aber es machte nichts, wir wollten auch immer weniger- höchstens knusperten wir ein wenig Müsli, direkt aus der Packung, aber versteckt hinter einer Kommode oder unter Tischen, damit der andere nicht bemerkte, dass wir aßen. Wir schämten uns. Wir liefen durch die Räume und ärgerten uns über die Schritte der anderen, die wir hörten wie dumpfe Schläge gegen uns und unsere Gedanken, die wir hassten. Die Fenster öffneten wir nicht mehr. Draußen hatte es sich inzwischen wieder eingetrübt, es ging ein starker Wind, den wir im Obergeschoss durch das Dach sausen hörten, wir lauschten, was er uns zutrug. Den Stimmen aus dem Computer lauschten wir nicht, was sollten sie uns noch sagen. Wir waren und blieben hier drinnen.

Auch als wir draußen wieder Leute vorbeigehen sahen, blieben wir eingeschlossen in unsere zwei Zimmer. Wir vermuteten es seien Agenten dieser Bedrohung, wegen der man uns eingesperrt hatte, die sich tarnten als Unsereins, uns nach draußen locken wollten und so taten als sei wieder alles normal. Es würde nie mehr normal werden. Wir hatten uns eingerichtet in unserem Ende. Wir begannen auch unsere zwei Räume herzurichten für das Ende. Wir verhängten die Fenster mit Decken, möglichst dicken Woll-und Daunendecken, wir rissen die Bezüge von unseren Betten und hängten sie zusätzlich vor die schon abgedunkelten Fenster, dann stellten wir die Matratzen davor um die unerträglichen Stimmen von draußen abzuhalten, die uns schmerzhaft daran erinnerten, dass es ein Außen gab. Man hatte uns gesagt: keine sozialen Kontakte, daran hielten wir uns. Nur zueinander hatten wir Kontakt, sozusagen, wobei wir inzwischen eigentlich eins geworden waren. Ein Körper mit mehreren Beinen und Armen, der die Restluft aufsaugte die es hier drinnen noch gab. Die Pflanzen gossen wir zwar gewissenhaft, doch es fehlte ihnen schon bald das Licht, sie ließen die Blätter hängen und schließlich fielen sie ab.

Wir kamen auf den Gedanken, die Wohnung auszuräuchern um auch die letzten bösen Geister daraus zu vertreiben, vielleicht würden damit auch die Stimmen verschwinden, die uns immer lauter umgaben – sie klangen aus dem Boden aus den Wänden, es waren fremde Stimmten, sie sagten uns nichts.

Wir legten uns nebeneinander auf den kalten Boden in der Küche, berührten uns aber nicht. Es musste Tag sein, das Licht war hellgrau oder lag es am Rauch? Auf der Anrichte lag eine keimende Zwiebel, dünne lange Fasern wuchsen aus ihr hervor. Wir schlangen unsere Arme umeinander und drückten zu.

12.03.2020, Myriam Khouri