Der Fischmarkt

Seit einigen Tagen schon hier, fast eine Woche. Wie sich alles gewandelt hat, wie die Pläne sich verwandeln müssen. Wir müssen elastisch bleiben, uns dehnen und biegen, in unseren Sporthosen, in unseren Vorhaben – wir müssen bereit sein zur radikalen Veränderung, sie kann jeden Tag kommen und jetzt ist sie da.

Viele sagen, sie haben keine oder wenig Angst vor dem Virus, es sind eher die Konsequenzen, die Gesetze und Verbote, die erlassen werden zu seiner Eindämmung, die sie beunruhigen. Auch die gesellschaftlichen Entwicklungen, die daraus hervorgehen, betrachten sie sorgenvoll. Wer weiß in was für einer Welt wir erwachen, wenn das vorbei ist. Wenn es überhaupt vorbeigeht.

Andere sprechen von Solidarität, es sei ein Akt der Solidarität, zu Hause zu bleiben, dann stecke man auch niemanden an. Es sei für diejenigen mit schwachem Immunsystem besser, wenn alle nicht ihr Haus verließen, damit sich das Virus nicht weiterverbreitet.

Es ist von einem Fischmarkt in China gekommen, angeblich, und wir stellen uns diesen Fischmarkt vor. Es ist laut und es herrscht Bewegung um die Stände aus Holzkisten, Stoffbahnen, Plastik-und Blechwannen herum, überall Köpfe und Körper in Kleidern, abgerissenen Hosen, Sandalen und Jeans. Die Luft ist dunstig von den Dämpfen des Fischs, von dem verdampfenden Wasser aus den Wannen, in denen die Fische zappeln und von den Körpern der Menschen, die auf engem Raum umeinander gleiten – glitschig wie die Körper der Fische, feucht und heiß.

Diese Enge, dieses Gewimmel gibt es jetzt nicht mehr, es ist verboten sich den anderen auf weniger als einen Meter Abstand zu nähern und wer dieses Verbot übertritt, kann bestraft werden. Es ist in dieser Zeit auch nicht möglich Sterbende im Krankenhaus zu besuchen, sie sterben allein. Auch die Alten bleiben allein, denn für sie gilt das Virus als besonders gefährlich, während es für die Jungen in den allermeisten Fällen nicht gefährlich ist, es sei einer normalen Grippe ähnlich, hört man. Nur steckt dieser Virus dahinter, der winzig ist und in einem Fisch eingeschlossen war, in China auf dem Markt, womöglich grub jemand seine Finger in das Fleisch des Fischs oder verspeiste ihn. Vielleicht fuhr er auch nur über seine glatte schimmernde Haut hinweg und es war geschehen.

Anfangs dachten wir noch es bliebe in China, was zwar auch nicht wünschenswert war, die Medien berichteten von vielen Toten, von ganzen Landstrichen, die befallen seien. Bald fielen die Worte Quarantäne und Abschottung, Reiseverbote wurden ausgesprochen. Wir waren es aber gewohnt, dass die Katastrophen fern von uns stattfanden und wenn sie sich doch mit ihren Folgen in unsere Territorien ausdehnten, bekamen wir sie in den Griff, waren wir diejenigen, die sie eindämmten, nicht sie uns – jetzt ist es umgekehrt, das Virus oder der Umgang damit, die Versuche es in Schach zu halten, es unter Kontrolle zu bringen, dämmen uns ein.

Es dauerte aber noch lang bis wir die direkten Auswirkungen auf unseren Alltag spürten, lange im Vergleich zu den wenigen Tagen, in denen sich die Ereignisse und Beschlüsse hier überschlugen, als es dann soweit war. Die Folgen, die seine Ankunft und Ausbreitung nach sich zog, hätten wir uns vorher von niemandem erzählen lassen, ohne ihn oder sie für verrückt zu erklären. Davor jedenfalls näherte sich das Virus langsam und Stück für Stück, mal gab es hier zwei Fälle, mal einen Fall dort. Es wurde berichtet wie Angehörige europäischer Staaten aus China ausgeflogen wurden und es wurde der Tag in den Medien zu einem Ereignis gemacht, an dem sie in europäischen Städten aus dem Flugzeug stiegen. Dann geschah wieder lange nichts, wir führten unsere gewöhnlichen Leben, es war Fasching und auf den Plätzen der Städte und Dörfer drängten sich die Menschen. Sie tranken sorglos unter ihren bunten Hüten und Kostümstoffen, sie wackelten mit Armen und Beinen wie aufgezogen und drängten sich dicht aneinander vorbei, dazu verzehrten sie Krapfen und hörten donnernde Musik.

Wir liefen durch Innsbruck an jenem Faschingstag, alle Museen waren geschlossen, wegen des Faschings, nicht wegen des Virus und da schmeckten wir schon etwas von dem Zustand, der uns und auch all den Feiernden auf der Straße bevorstand, die davon nichts zu ahnen schienen. Wir aber kauften ein Fieberthermometer, in einer der wenigen geöffneten Apotheken, stellten uns in eine dunkle Ecke und maßen unsere Temperatur.

Es war inzwischen auch von Gebieten die Rede, die nicht fern den unseren lagen, Nachbarstaaten, in denen das Virus anfing sich schneller zu verbreiten, sodass erste besorgte Stimmen erklangen. Zugleich waren die meisten froh, dass es immer noch jenseits der Grenzen der von ihnen bewohnten Länder stattfand. Auch als es Fälle im eigenen Land gab, hätte sich niemand diese Konsequenzen ausgemalt, wie sie nun konsequent und mehr als das, radikal eigentlich, durchgeführt wurden und werden.

Zuvor aber schlossen die Länder ihre Grenzen voreinander ab und es entstand eine Art Wettbewerb, wer weniger Fälle zählte. Es war nun oft von Fällen die Rede.

Es war seltsam mit anzusehen, wie die Länder sich einschlossen, sich voreinander abschlossen, jedes vor allem auf sich selber schaute und die anderen höchstens bemitleidete oder als Krisen-und Risikogebiet titulierte und sie mit Noten versah, Risikostufe 6 zum Beispiel. Das sagte Vielen zu, so schien es, denn das neue Vokabular senkte sich schnell in ihre Münder ein und klang undifferenziert daraus hervor. Es war bald von Lockdown und von Shutdown die Rede, von Risikogebiet, von Heimquarantäne, freiwilliger Quarantäne und verpflichtender Quarantäne – dabei war eigentlich nicht ganz klar, was nun der Unterschied war, zwischen Quarantäne, Ausgangsbeschränkung, Ausgangssperre, Lockdown – es gefiel einfach, mit neuen Begriffen zu hantieren und sie auf sich selbst und den verwandelten gesellschaftlichen Zustand anzuwenden.

Es sagten auch einige Stimmen, dies sei die Stunde der Besinnung, wir seien nun alle auf uns selbst zurückgeworfen und könnten unseren inneren Reichtum entdecken. Die meisten entdeckten jedoch das Fernsehen neu- denn es waren keine langweiligen Nachrichten mehr, die im Hintergrund dudelten, nein man hörte ihnen zu, den Nachrichtensprechern in hell ausgeleuchteten Studios, die selbst noch ganz erschüttert von ihrer plötzlichen Wichtigkeit sprudelten und spritzten von Neuigkeiten, denn ständig gab es neue Beschlüsse zu vermelden. Man stand morgens auf und selbst wenn man keinen Fernseher hatte und gewohnt war am Vormittag nichts ins Internet zu gehen, konnte man sicher sein, innerhalb von zwei Stunden aus irgendeiner Richtung mit der raschen Verwandlung der Welt um einen herum konfrontiert zu werden. Spielplätze wurden geschlossen, vorher noch die Restaurants, zuerst sollten sie bis 15 Uhr geöffnet bleiben, aber noch bevor dieses Vorhaben durchgeführt war sperrten sie ganz zu und kurze Zeit später auch die Geschäfte, deren Artikel als nicht notwendig eingestuft wurden für die Aufrechterhaltung einer funktionierenden Gesellschaft. Blumenläden schlossen sämtlich. Wir kauften trotzdem Blumen im Supermarkt und stellten sie in schlanken Gläsern und Flaschen in der weitläufigen Etage auf, die wir bewohnten in diesem Ausnahmezustand. Es waren Rosen in drei Farben, tiefrot, gelb und hellrot und ein schöner Strauß von pinken Tulpen. Sie fächerten sich auf in ihren Vasen und öffneten unsere Geister, die drohten sich im Eingeschlossen sein zu verlieren.

Myriam Khouri, 22.03.2020