2020 – Felix Geiser

Felix Geisler

Felix Geiser wurde 1991 in München geboren, wo er auch aufwuchs und Soziologie studierte. Er lebte für einige Zeit in Barcelona und Mexiko-City. Er veröffentlichte Erzählungen und Artikel in diversen Anthologien und Zeitschriften und verfasste Rezensionen für verschiedene Medien. Außerdem ist er Mitherausgeber der Anthologie REIZÜBERFLUTUNG (Edition Paechterhaus, 2019) und war als Redaktionsmitglied für das Podcast-Format Litradio tätig. Zuletzt studierte er Literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim und lebt nun als freier Autor in Berlin, wo er an seinem ersten Roman mit dem Arbeitstitel ‚Werkstadt‘ schreibt.

Felix Geiser hat sich mit einem Ausschnitt aus seinem Romanprojekt „Werkstadt“ beworben, in dem der Autor ein Gegenmodell zu einem kapitalistischen Industriemodell, das gescheitert ist, entwirft. Mit diesem politisch engagierten Text hat Felix Geiser die Jury überzeugt, weil er darin Altes und Neues, Familie und Gesellschaft geschickt miteinander verbindet und somit Spannung erzeugt.

Texte, die während der Zeit als Stadtschreiber in Schwaz entstanden sind:

Gedankenspaziergang

1. Eigentlich bin ich nur auf der Suche nach einer Einkaufsmöglichkeit in Laufnähe meiner Wohnung. Es ist eine meiner ersten Runden durch die Stadt, von denen noch unzählige folgen werden. Der Spaziergang führt mich in das Einkaufszentrum, das einen großen Teil der innerstädtischen Fläche belegt. Doch in den Stadtgalerien überkommt mich angesichts der überbordenden Konsummöglichkeiten bald eine leichte Benommenheit. Ich will das Zentrum umgehend wieder durch einen Seitenausgang verlassen, um Masse und Maske loszuwerden. In jenem Ausgang aber, hängen einige sepiafarbene Fotodrucke an der Wand, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Darauf zu sehen sind Arbeiterinnen in weißen Kitteln, die in Reihen sitzend einer Tätigkeit nachgehen oder aber Maschinen bedienen. Bei genauerer Betrachtung und beim Lesen der Bildunterschriften wird klar, worum es sich handelt: Tabakverarbeitung. Zunächst Schnupf- und Rauchtabak, später Zigarren und Zigaretten. Auf der gegenüberliegenden Wand eine Chronik der Ereignisse. Von Napoleons Angriff auf die Stadt geht es über die Eröffnung der Fabrik 1830 und einige folgende An- sowie Umbauten bis hin zu ihrer Zerstörung und der Errichtung der Stadtgalerien an ihrer Stelle, ebenjenes Einkaufszentrum, in dem ich nun stehe. Ich verharre einige Zeit vor den Fotos, bis mich das Gefühl beschleicht, die Leute würden mich argwöhnisch betrachten.

In einem der ersten Gespräche, die ich über die Fabrik führe, erfahre ich, dass sie früher im Volksmund Tschiggin genannt wurde. Obwohl mir das Wort „Tschik“ geläufig ist, verstehe ich zunächst „Chicken“, bevor sich das eigentlich Offensichtliche in meinem Kopf zu einem Sinn zusammensetzt.

2. Diese Tabakfabrik, oder vielmehr die Spuren, die in Form von Fotos, Publikationen und Erinnerungen auf ihre Abwesenheit verweisen, bringen jene Möglichkeitsmaschine in meinem Kopf in Gang, die unweigerlich anfängt, alle möglichen Szenarien durchzuspielen. Jene, die vielleicht unwahrscheinlich sind, erscheinen mir häufig dafür umso interessanter. Wie sähe das Stadtbild heute aus, wenn die Industriegebäude noch stünden, wie ließe sich die Fläche nutzen und was war die ganze Geschichte hinter diesem Ort?

Im Zuge dessen muss ich an die Tabacalera in Madrid denken, die ich mehrmals besuchte. Es handelt sich ebenfalls um eine ehemalige Tabakfabrik aus dem späten 18. Jahrhundert, ein Paradebeispiel für den Baustil in der Blütezeit der Industrialisierung. Nach der Stilllegung der Fabrik im Jahr 1999 lag diese zehn Jahre brach, weshalb die Bausubstanz zu verfallen drohte. Aus diesem Grund beschlossen Aktivisten, das Fabrikareal zu besetzen. Heute wird der Ort von einem Verein in Eigenregie verwaltet. Es gibt Ateliers und Proberäume, einen großen Veranstaltungssaal, verschiedene Werkstätten, eine Beratungsstelle, eine Laientheaterbühne und ein Café in den Räumlichkeiten der ehemaligen Fabrik. Zudem dient sie zahlreichen Initiativen als Tagungs- und Versammlungsort.

Nicht zuletzt entsteht über diesen wundersamen Umweg ein Zusammenhang zu meinem Schreibprojekt, weswegen ich ja überhaupt erst hier bin.

Die staatliche Tabakwarenproduktion war vielerorts ein Motor, welcher der wirtschaftlichen Stagnation entgegenwirken sollte, so auch in Schwaz. Häufig basierte sie auf der Ausbeutung der Kolonien in Übersee, wo ein Großteil des Tabaks angebaut wurde. Die Reminiszenzen dieser düsteren Periode konnte ich auf einer Reise nach Kuba beobachten. Neben Zuckerrohr ist Tabak der bedeutendste Rohstoff, was sowohl die Verarbeitung als auch den Export angeht. Natürlich kaufte auch ich eine Kiste kubanische Cohiba-Zigarren, die mir jemand unter der Hand besorgte. Die edelsten Tabak- und Rum-Erzeugnisse sind eigentlich nicht für den Verkauf im Inland gedacht, zumindest nicht für die kubanische Bevölkerung. Genauso verhält es sich mit edlen Meeresfrüchten und anderen „Luxus-Produkten“. Auch in Kuba gab es zahlreiche Tabakfabriken zu bestaunen, ebenso wie Plantagen, auf denen die Edelpflanzen kultiviert werden.

Bei meiner Recherche erfahre ich allerdings, dass ein Großteil des in Schwaz verarbeiteten Tabaks in österreichischen Landen angebaut wurde. Doch lässt sich ein anderer Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte finden, der überaus große Auswirkungen hatte, obwohl Österreich oder vielmehr die k. u. k. Monarchie kaum „Erfolg“ hatte im großen Wettstreit um die Ausbeutung der Kolonien. Die Silbergewinnung in den Schwazer Bergwerken, die kurzzeitig einen großen Teil der weltweiten Förderung ausmachte, versandete etwa zeitgleich, wie der Edelmetallabbau in den (mittel- und südamerikanischen) Kolonien richtig Fahrt aufnahm. Der immer geringer ausfallende Ertrag aus dem Bergwerk, der zuletzt in keinem Verhältnis zum Förderungsaufwand mehr stand, sorgte so für das Ende der lukrativen Silberzeit. Doch hat der Ort, wie die Historie zeigt, kein Problem damit, sich immer wieder neu zu erfinden.

Die Auswirkungen vom Verschwinden großer Arbeitgeber und ganzer Industriezweige beschäftigt mich auch in ‚Werkstadt‘, meinem Romanprojekt. Welche Konsequenzen hat es, wenn einem Ort die Existenzgrundlage wegbricht? In Schwaz brach mit der Tabakfabrikation zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahrhunderte ein identitätsstiftender Wirtschaftszweig weg. Ich überlege, ob ein Einkaufszentrum diese Funktion übernehmen kann. Wohl eher nicht. Nicht nur, dass es sich um Ladenflächen handelt, die größtenteils von austauschbaren Geschäften, von Filialen der immer gleichen Ketten gefüllt werden, die so oder so ähnlich auch in zahlreichen anderen Städten stehen. Ein Einkaufszentrum als Ort, der einzig dem Konsum (wenn auch dem vielseitigen Konsum) dient, ist nichts, womit man sich üblicherweise identifiziert.

3. Was ist geblieben von der Ära der Tabakfabrikation? Die Trafik im Einkaufszentrum lässt mich jedes Mal an die einstige Fabrik denken. Ich stelle mir vor, wie das Stadtbild aussah mit dem alten Industriebau in seiner Mitte. Rauchen, so kommt es mir vor, tun hier die wenigsten. Vielleicht ist ja auch das eine Auswirkung der Tabakproduktion (obwohl ich zunächst eher das Gegenteil angenommen hätte).

In Gesprächen stelle ich vielerorts eine Nostalgie für die Fabrik und das, wofür sie stand, fest. Noch immer scheinen die Wunden nicht ganz verheilt, die der Abriss der Tschiggin in der Gesellschaft verursacht hat.

Jetzt vor der Weihnachtszeit liegt der Konsumtempel herausgeputzt und leer da. Die ausufernde Weihnachtsdekoration gibt in Kombination mit den dunklen, aufgrund der Pandemie geschlossenen Läden ein skurriles Bild ab. Das Einkaufszentrum, seines einzigen Zwecks beraubt.

Ich frage mich, was in hundert Jahren anstelle der Stadtgalerien stehen wird. Wahrscheinlich muss ich so lange gar nicht warten, um es herauszufinden. Denn die ohnehin schon tragische Entwicklung verwaisender Innenstädte und verschwindenden Einzelhandels wird durch das momentan nicht existente Weihnachtsgeschäft sicher nicht verlangsamt werden.

Poetologie der Baustelle

Ein Kran baut einen Kran, der einen weiteren Kran baut. Ich lerne die Betonmischer von den Tiefladern von den Reinigungsfahrzeugen am Klang zu unterscheiden.

Letztere verkehren hauptsächlich zu dem Zweck, die Straße feucht zu halten, damit die Staubwolken, die jedes Mal entstehen, wenn einer der schweren Lkws die Straße entlangkriecht, sich in Grenzen halten. Bei ruckartigen Bewegungen des Krans schwingen die Ketten, die an seinem Haken befestigt sind, durch die Luft wie Tentakel einer Qualle in den unsichtbaren Regungen der Strömung.

Ich versuche, die Baustelle vor meinem Fenster als Analogie zu meinem Text zu sehen. Dessen Entstehung ist dem Bau eines Hauses vielleicht gar nicht so unähnlich. Das Fundament bildet die zugrunde liegende Idee. Einige Grundmauern hatte ich schon vor meiner Ankunft stehen, einige Kapitel, noch in Rohform, versteht sich. Kontinuierlich setzte ich weiter Stein auf Stein, Wort auf Wort. Mauer für Mauer und Satz für Satz.

Doch der Bau ist mit dem Decken des Daches noch nicht abgeschlossen. In einem Rohbau wollen Leitungen, Rohre und Böden verlegt werden. Fenster müssen eingesetzt, Wände verputzt und Armaturen installiert werden. Auch das Streichen der Fassade und der Innenräume ist von elementarer Wichtigkeit, damit man einziehen möchte in das Haus. Nicht großartig anders verhält es sich mit dem Text, der überarbeitet und fein geschliffen werden muss. Auch wenn die Rohfassung steht, ist noch viel zu tun. Die Querverbindungen zwischen den Kapiteln müssen kontrolliert und teilweise sogar noch neu geschaffen werden, die Handlung auf Konsistenz geprüft, sprachliche Schnitzer ausgebessert und inhaltliche Fehler behoben werden. Von der Grundsteinlegung bis zum fertigen Objekt vergehen Monate, wenn nicht gar Jahre.

Doch meistens nervt sie mich nur, die Baustelle. Die Schreibarbeit, denke ich bei mir, lässt sich wenigstens ohne großen Lärm erledigen.