2019 – Werner Rohner

Werner Rohner

Werner Rohner wurde 1975 in Zürich geboren, wo er nach längeren Schreibaufenthalten in Rom, Langenthal und Los Angeles derzeit als freier Schriftsteller lebt. 2014 erschien sein Debüt Das Ende der Schonzeit bei Lenos. Der Roman wurde mit einem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet und für das beste deutschsprachige Debüt beim Rauriser Literaturpreis nominiert. 2017 erschien er unter dem Titel Fin de Trêve auf Französisch.

Werner Rohner hat sich mit dem Prosatextauszug Edith beworben, der auf inhaltlich und stilistisch beeindruckende Weise die verzweifelten Wiederbelebungsversuche eines Bademeisters an einer Ertrunkenen schildert, und wird ab Anfang Oktober 2019 zwei Monate in Schwaz verbringen.

Was bleibt

Text von Werner Rohner, entstanden in Schwaz 2019:

Was macht denn überhaupt so ein Stadtschreiber? Das hat sich der Stadtschreiber auch gefragt, als sie ihn ausgewählt haben.

Und wo und was war das schon wieder – Schwaz?

Schnell ist das Internet angeworfen: Seit zehn Jahren kontinuierliches Bevölkerungswachstum – Boomtown also – außerdem eine alte Silbermine, ein neues Einkaufszentrum und rundherum mächtige Berge.

Aber für all das hat der Stadtschreiber erstmal keine Augen, als er an einem Samstag im Oktober aus dem Zug steigt. Nein, viel mehr will er sich so schnell wie möglich ein Zuhause schaffen – das heißt für den Stadtschreiber Butter und Brot kaufen, Olivenöl, Parmesan und Pasta und ein kleines Basilikumtöpfchen, das er ans Fenster stellt.

Und gut hat er das schon erledigt, denn viel hat nicht offen am Sonntag, als er sich zu seinem ersten Spaziergang aufmacht. Immerhin ist da neben der Tankstelle, wo er sich Mannerschnitten besorgt, noch ein Flohmarkt, auf dem die verschiedensten Menschen zusammenkommen und die verschiedensten Dinge anbieten. Von altem Plastikspielzeug und neuen Kopftüchern über falsche Gucci-Jacken zu echten, kleinen Schatztruhen, angeboten von einer Flohmarktverkäuferin, die sicher schon fünfzig Jahre unterwegs ist, dazu alte, dicke Reader’s-Digest-Bücher und Säbel von irgendeinem Urgroßvater.

Der Stadtschreiber aber hat schon alles, was er braucht, und geht deshalb weiter, den Hang hoch in ein Stift – auch das hat sonntags geöffnet – wo all die Pilger und Pilgerinnen ihre kleinen Bitten und großen Dankesgebete in ein offenes Buch reinkritzeln, in einer Umständlichkeit, manchmal auch Hilflosigkeit, die den Stadtschreiber rührt, dass er das Buch am liebsten mit nach Hause nehmen würde, um all die Geschichten weiterzuschreiben, vielleicht sogar mit dem einen oder anderen Happy End zu versehen.

Natürlich tut das der Stadtschreiber nicht, sondern schaut sich weiter um, hoch zur vergoldeten Decke mit Bibelszenen, und vor ihm eine Maria mit dem toten Jesus auf dem Schoss; sie mit einem Gesichtsausdruck, der vor allem Hässlichkeit ausdrückt, was der Stadtschreiber so noch nie dargestellt gesehen hat. Für einmal nicht diese Entrücktheit oder verzweifelte Liebe, sondern neben dem Schmerz, meint der Stadtschreiber auch Wut auf die Verantwortlichen zu erkennen, oder auf Jesus, weil er sich nicht gewehrt hat.

Der Stadtschreiber zündet eine Kerze für sie an und geht weiter, draußen reißt der Fön alles mit sich, was nicht niet- und nagelfest ist. Aber auch die Sonne drückt immer wieder durch und beleuchtet ein paar Hänge, andere lässt sie zur besseren Wirkung dunkel, und weiter oben die Wälder, die fortan jeden Tag einen anderen Farbton tragen würden – es ist eine Pracht, dieses Wort scheint dem Stadtschreiber ausnahmsweise wirklich angebracht.

Auf dem Nachhauseweg macht der Stadtschreiber noch Halt im Wettbüro, es ist fast das einzige Lokal, das geöffnet hat und den Menschen ohne Familie oder Lust auf sie, an diesem Sonntag Unterschlupf bietet, außerdem kostet das Bier nur 2 Euro 50 (nicht eingerechnet den Wetteinsatz, die Nerven, und den nächsten und übernächsten Spieleinsatz).

Zurück in seiner Wohnung schreibt der Stadtschreiber was er erlebt hat auf, bevor er sich den Tatort im Fernsehen anschaut, wo er einmal mehr vergeblich auf ein Happy End wartet.

Genauso oder ähnlich, denkt sich der Stadtschreiber, wird er nun die folgenden Sonntage, die folgenden zwei Monate in Schwaz verbringen. Aber da hat sich der Stadtschreiber getäuscht, denn schon nach einigen Tagen wird der Stadtschreiber immer weniger Zeit finden, weil er stattdessen Freunde und Freundinnen finden wird. Plötzlich wird er sonntags zu Kuchen und Kaffee eingeladen, montags geht er mit einer anderen Schriftstellerin Tee trinken, Dienstag spricht er mit den Journalistinnen und dem Bürgermeister, Mittwoch schaut er sich die leuchtende Kunst von Margaritha Wanitschek an, und so weiter und so fort – und natürlich geht er zu allen Lesungen, welche das Literaturforum organisiert, und bleibt auch noch gern auf ein Glas Wein – denn Literatur bedeutet für den Stadtschreiber: im Gespräch über die Zeit bleiben.

Auch im Haus Franziskus, wo der Stadtschreiber wohnt, muss er schon bald nicht mehr erklären, was denn ein Stadtschreiber ist – so genau weiß er es eh noch immer nicht – sondern er erzählt seine Lebensgeschichte und erfährt von anderen die ihre. Und auch im Café, welches sich im Haus befindet, gehört er zwar nicht zur Stammtischrunde, aber doch bald irgendwie dazu.

Von all dem aber, denkt der Stadtschreiber, stand im Internet nichts.

Dabei, was einen Ort doch mehr als alles andere ausmacht, das sind die Menschen. Und sie werden es auch sein, an die der Stadtschreiber sich erinnern wird, wenn er die Stadt noch vor dem großen Schnee wieder verlassen wird. An ihre Aufmerksamkeit, Neugierde, ihren Dialekt, ihre Zugewandtheit und an ihr Leben – und die Gespräche darüber.

Und natürlich hat der Stadtschreiber auch ein wenig an seinem Roman „Das Leben noch einmal beginnen“ geschrieben. Und vielleicht wird er eines Tages auch über Schwaz, oder eben vor allem seine Menschen, schreiben.

Und wenn es nur ist, damit er einen Grund hat, wieder zu kommen.